Risiken pflanzlicher Medikamente

Natürlich ist nicht immer ungefährlich

Arzneimittel mit pflanzlichen Inhaltsstoffen sind in der Regel verträglicher als chemisch-synthetische Mittel – ohne fachliche Beratung sollten sie dennoch nicht eingenommen werden.

Natürliche Heilmittel sind immer beliebter. Nicht zuletzt, weil sie als schonender und verträglicher als chemische gelten. Drogist und Heilkräuterspezialist Hanspeter Michel: «Viele natürliche Heilmittel sind tatsächlich völlig problemlos. Ich denke hier an Bachblüten, Spagyrik, Schüssler-Salze oder homöopathische Mittel in tiefen Potenzen. Sie alle sind sehr gut verträglich.»

Auch Tees sind in den meisten Fällen unproblematisch, wie Drogist Michel erklärt. Sie enthalten eine vergleichsweise milde Wirkstoffkonzentration. Tees etwa mit Kamille können allenfalls für Menschen, die auf Korbblütler allergisch sind, ungeeignet sein.

Gute Beratung lohnt sich

Wichtig ist für alle Arten von Heilmitteln, ob natürlich oder synthetisch, immer die Beratung durch eine Fachperson in der Drogerie oder Apotheke. «Besonders aufmerksam sind wir bei Säuglingen und Kleinkindern, bei Frauen, die stillen, sowie bei Schwangeren, insbesondere im ersten und im letzten Drittel der Schwangerschaft.»

So kann in der Schwangerschaft beispielsweise Vorsicht geboten sein bei gewissen Arzneitees. Etwa solchen mit Sennesblättern, bei denen sogar ein Abortrisiko besteht. Auch Nieren-Blasen-Tees sind in der Schwangerschaft nicht immer angebracht. Enthalten sie Bärentraubenblätter, sollten sie nicht getrunken werden.

Öl ist nicht gleich Öl

Eine Fachperson um Rat fragen sollten Schwangere, Stillende und Eltern von Kleinkindern auch beim Gebrauch von ätherischen Ölen. «Beispielsweise Pfefferminze oder Salbei können eine abstillende Wirkung haben», sagt Hanspeter Michel. Dabei kommt es immer auf die Umstände an. «Es macht einen Unterschied, ob sich jemand von Kopf bis Fuss mit einem Öl einreibt oder ob er nur kurz daran riecht. All das beziehe ich bei der Beratung mit ein.»

Ausserdem gibt es verschiedene sogenannte Chemotypen bei ätherischen Ölen. «Verwendet man beispielsweise nicht Eucalyptus globulus, sondern Eucalyptus radiata, ist die Verträglichkeit viel besser. Radiata kann auch – bei entsprechender Verdünnung – bereits bei Kindern ab 1 Jahr angewendet werden, globulus hingegen nicht unter 2 Jahren. Wichtig ist, dass man die Unterschiede kennt und weiss, was kritisch sein kann.»

Fachpersonen helfen weiter

In der Drogerie und der Apotheke gibt es auch Phytopharmaka zu kaufen. Diese pflanzlichen Heilmittel enthalten keine exakt definierte Einzelsubstanz, wie es bei «chemischen» Arzneimitteln der Fall ist, sondern sie sind aus vielen verschiedenen Substanzen zusammengesetzt. Pflanzliche Arzneimittel sind oft risikoärmer als chemisch-synthetische, die in der Regel isolierte und stark wirksame Arzneistoffe enthalten. Phytopharmaka eignen sich deshalb gut für leichte bis mittlere und chronische Beschwerden. Trotzdem können, wie bei allen Medikamenten, Neben- und Wechselwirkungen auftreten. Allerdings passiert das vor allem bei unsachgemässer Einnahme oder ungewollter Überdosierung. Bei sachgemässem Gebrauch besteht in der Regel ein geringes Risiko.

«Bei Phytopharmaka ist es immer wichtig, sich durch eine Fachperson beraten zu lassen, aber auch die Packungsbeilage zu studieren», sagt Michel. «Dort sind Neben- und Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten beschrieben. Eine Fachperson kann einschätzen, wann die Einnahme unproblematisch und wann Vorsicht geboten ist. Und sie weiss auch, wann eine ‹sanftere›, praktisch risikofreie Therapie, etwa mit Spagyrik oder Homöopathie, angebracht sein kann.»

Wechselwirkungen mit Arzneimitteln

Manche Kräuter können im Körper die Wirkung anderer Arzneimittel beeinflussen, also sogenannte Wechselwirkungen mit ihnen eingehen.

  • Ein bekanntes Beispiel ist das Johanniskraut, das gegen leichte depressive Verstimmungen helfen kann. Wer bestimmte Arzneien wie die Antibabypille, das Immunsystem unterdrückende Medikamente, gewisse Krebsmedikamente usw. einnimmt, sollte sich mit einer Fachperson beraten. Johanniskraut kann, je nach Verabreichungsform und Dosierung, die Wirkung dieser Arzneien verstärken oder herabsetzen.

  • Ginkgo-Präparate helfen bei Durchblutungsstörungen und Gedächtnisproblemen. Das Kraut beeinflusst daneben auch die Fliesseigenschaften des Blutes. Das kann im Zusammenspiel mit der Einnahme von Medikamenten mit gerinnungshemmenden Wirkstoffen wie ASS (Acetylsalicylsäure) möglicherweise die Blutungsneigung erhöhen. Allerdings ist das wissenschaftlich nicht abschliessend geklärt. Ein Beratungsgespräch mit dem Drogisten, der Drogistin oder in der Apotheke sind wichtig.

  • Weidenrinde enthält Salicylsäure, die eine blutverdünnende Wirkung hat. Allerdings gilt Weidenrinde als gut verträglich und es ist wissenschaftlich nicht abschliessend geklärt, ob Nebenwirkungen bei bestimmungsgemässem Gebrauch auftreten können. Gerade deshalb ist eine Fachberatung unbedingt sinnvoll.

Medikamente im Grossverteiler

Im Rahmen der Umteilung der Abgabekategorien von Medikamenten wurden anfangs 2019 auch einige von der Kategorie D in die Kategorie E umgeteilt und dürfen damit ohne Fachberatung verkauft werden, etwa im Grossverteiler. Darunter sind vor allem Hustenpastillen und Tees, alles Produkte, die eine sehr tiefe Konzentration an Wirkstoffen haben. Gewisse Tees wie beispielsweise Nieren-Blasen-Tee mit Bärentraubenblättern oder Abführtees gibt es aber weiterhin nur mit Fachberatung in der Drogerie oder Apotheke.

Autorin: Bettina Epper
Redaktion: Vanessa Naef
Wissenschaftliche Kontrolle: Elisabeth von Grünigen-Huber, Drogistin HF und Leiterin Politik und Branche des Schweizerischen Drogistenverbandes SDV
Quellen
  • Drogist und Heilkräuterspezialist Hanspeter Michel