Phytotherapie

Eine alte Heilmethode

«Phyto» kommt aus dem Griechischen und bedeutet so viel wie Pflanze oder pflanzlich.

Das Heilen mit Heilpflanzen ist eine der ältesten medizinischen Therapieformen. Ihre Geschichte reicht bis in die Steinzeit zurück. Bei der Gletschermumie Ötzi, die etwa 5300 Jahre alt ist, wurden Pilze gefunden, die unter anderem gegen Magen-Darm-Beschwerden helfen.

Die klassische Phytotherapie wird manchmal auch als Klostermedizin bezeichnet, da im Mittelalter vor allem die Klöster das Wissen über Heilpflanzen weitergaben. Später ging die Heilpflanzenkunde mehr und mehr vergessen. Je mehr Medikamente chemisch hergestellt werden konnten, desto weniger wusste man über die Wirkung der Heilpflanzen.

Pflanzentherapien aus aller Welt

Es gibt viele Therapien, die auf der Heilkraft von Pflanzen basieren. Vor allem asiatische Länder haben ihre eigenen Ansätze. Hier ein kurzer Überblick:

China: Die traditionelle chinesische Medizin (TCM) ist eine der ältesten Therapieformen der Medizin. Die ältesten Aufzeichnungen stammen etwa aus der Zeit um 1000 vor Christus.

In der TCM ist der Mensch ein ganzheitliches Wesen. Er ist in das System des Yin und Yang eingebunden. Yin und Yang, das sind gegensätzliche, sich ergänzende Kräfte. Befinden sich die Yin- und Yang-Elemente im Körper in einem Gleichgewicht, ist der Mensch gesund. Krankheiten entstehen, wenn die Harmonie gestört ist. Ein weiteres Grundprinzip der TCM sind die fünf Wandlungsphasen oder fünf Elemente Holz, Feuer, Erde, Metall und Wasser. Die TCM-Behandlung basiert auf den fünf Säulen: Akupunktur, Diätetik (Ernährungslehre), Heilkräutertherapie, Massage und Bewegungslehre.

Indien: Ayurveda ist möglicherweise noch etwas älter als TCM (siehe oben). Der Name leitet sich ab aus dem indischen «ayur» (=Leben) und «veda» (=Wissenschaft), bedeutet also «Wissenschaft des Lebens». Die ayurvedische Medizin betrachtet den Menschen in seiner körperlichen, geistigen und seelischen Verfassung, zieht aber auch familiäre, soziale und ökonomische Faktoren mit ein. Ayurveda beruht auf den fünf Elementen Äther, Luft, Feuer, Wasser und Erde. Auch Pflanzen werden eingesetzt.

Japan: Kampo ist eine in Japan praktizierte Arzneipflanzentherapie. Sie wurde vor über 1500 Jahren aus China übernommen, hat sich in Japan aber eigenständig entwickelt und hat einen ganzheitlichen Ansatz, Körper und Geist sind eine Einheit. Im Vordergrund steht die detaillierte Befragung des Patienten, hinzu kommt die körperliche Untersuchung, die neben der Zungen- und Pulsbeurteilung den Bauch in den Mittelpunkt stellt, in Japan wird der Bauch als Zentrum des Lebens gesehen.

Erst Ende des 19. Jahrhunderts kamen mit dem Schweizer Kräuterpfarrer Johann Künzle und dem deutschen Pfarrer Sebastian Kneipp die Heilkräuter wieder auf. Und der französische Arzt Henri Leclerc (1870–1955) führte den Begriff «Phytotherapie» ein. Zuvor war einfach von «Kräutermedizin» oder «Kräuterheilkunde» gesprochen worden. Deutsch bedeutet Phytotherapie denn auch nichts anderes als «Pflanzenheilkunde», weil dabei Pflanzen, Pflanzenteile und Zubereitungen zu therapeutischen Zwecken verwendet werden.

Später, in den 1950er- und 1960er-Jahren nahm sich die wissenschaftliche Forschung der Heilpflanzen an. Heute enthalten immer mehr Medikamente natürliche Inhaltsstoffe anstelle chemisch hergestellter.

Mit pflanzlichen Mitteln können sehr viele Beschwerden behandelt werden, doch auch zur Vorbeugung von Krankheiten sind sie geeignet.

Pflanzen als Ursprung

Etliche Wirkstoffe von Medikamenten haben ihren Ursprung in Heil- oder Giftpflanzen. Hier drei Beispiele:

  • Salicylsäure: Die Rinde von Weiden enthält Salicin, das im Körper in die entzündungshemmende und schmerz- und fiebersenkende Salicylsäure umgewandelt wird. Es kommt heute in Schmerzmitteln zum Einsatz.

  • Morphium ist ein Hauptwirkstoff des getrockneten Milchsaftes unreifer Samenkapseln des Schlafmohnes. Es wird als Opium bezeichnet und wirkt stark schmerzstillend.

  • Atropin stammt aus Nachtschattengewächsen wie Tollkirsche, Stechapfel oder Engelstrompete und ist giftig. Medizinisch hauptsächlich verwendet in der Augenheilkunde und bei Kreislaufstillstand sowie als Gegengift, zum Beispiel beim Kampfstoff Sarin.

Phytopharmaka

Arzneimittel in der Phytotherapie werden Phytopharmaka oder Phytotherapeutika genannt. Sie enthalten keine chemisch exakt definierte Einzelsubstanz, wie es bei «chemischen» Arzneimitteln der Fall ist. Sie sind vielmehr aus vielen verschiedenen Substanzen (Vielstoffgemisch) zusammengesetzt.

Phytopharmaka sollten möglichst standardisiert sein. Das heisst, sie müssen eine garantierte Menge an Wirkstoffen enthalten. Offizielle Verkaufsstellen wie Drogerien garantieren eine verlässliche Qualität. Vom Kauf im Internet ist hingegen abzuraten.

Autorin und Redaktion: Bettina Epper
Wissenschaftliche Kontrolle: Dr. phil. nat. Anita Finger Weber
Quellen
  • Heinz Schilcher, Susanne Kammerer, Tankred Wegener: «Leitfaden Phytotherapie», Elsevier GmbH, 2010

  • Margret Wenigmann: «Phytotherapie. Arzneipflanzen, Wirkstoffe, Anwendung», Urban & Fischer, 1999

  • Vera Herbst, Gabriele Holm: «Botanik und Drogenkunde», Deutscher Apothekenverlag, 2010

  • Schweizerische Medizinische Gesellschaft für Phytotherapie

  • Silvia Keberle, Eva Ebnöther: «Meine Gesundheit. Der Gesundheitsratgeber für die ganze Familie» Verlag Documed, 1999

  • Vortragsreihe «Medizin: Faszination Forschung» der Universitätsmedizin Mainz und der Medizinischen Gesellschaft Mainz

  • Silvia Keberle, Eva Ebnöther: «Meine Gesundheit. Der Gesundheitsratgeber für die ganze Familie.» Verlag Documed, 1999

  • Ben-Erik van Wyk, Coralie Wink, Michael Wink: «Handbuch Arzneipflanzen. Ein illustrierter Leitfaden», Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft Stuttgart, 2004

  • Erfahrungs Medizinisches Register EMR

  • www.japanische-medizin-muenchen.de

  • Hartmut Derendorf, Ralf Wemöhner, Hamm Heike Steen, Anne Julia Schrank: «Arzneimittelkunde», Deutscher Apotheker Verlag, 2011