Wenn Antibiotika nicht mehr wirken

Menschen sterben immer wieder an harmlosen Infektionen. Grund: Antibiotika helfen gegen viele Bakterien nicht mehr. Fehlen uns bald die Wunderwaffen gegen krank machende Keime?

– Immer mehr Bakterien sind gegen Antibiotika resistent. Das ist gefährlich, denn seit Jahrzehnten behandelbare Infektionen können wieder tödlich enden. Zum Beispiel eine harmlose Blasenentzündung. Sind die Keime resistent gegen Antibiotika, kann sich eine bedrohliche Nierenbeckenentzündung entwickeln. Bleiben Medikamente auch dagegen chancenlos, können die Bakterien ins Blut gelangen und sich im ganzen Körper ausbreiten. Die Folge ist eine Blutvergiftung, die tödlich enden kann. Andreas Kronenberg vom Schweizerischen Zentrum für Antibiotikaresistenzen (ANRESIS) und Facharzt für Innere Medizin und Infektiologie sagt es deutlich: «Diese Resistenzentwicklung muss gestoppt werden.»

Tausende Todesopfer

Heute sterben in den EU-Ländern schätzungsweise 25'000 Menschen pro Jahr an Infektionen mit resistenten Bakterien. Für die Schweiz gibt es nur Statistiken für spitalbedingte Infektionen. Etwa 70'000 Personen sind betroffen, etwa 2'000 von ihnen sterben. Für einen Teil dieser Infektionen sind resistente Erreger verantwortlich, schreibt die schweizerische Expertengruppe im Bereich Infektiologie und Spitalhygiene Swissnoso.

Kronenberg: «Die Situation ist ziemlich beunruhigend. Ärzte sehen immer häufiger Bakterien, die gegen alle verfügbaren Antibiotika resistent sind.» Trotzdem ist die Entwicklung neuer Präparate in den vergangenen Jahren zurückgegangen. Da sich die Erreger rasch zu schützen wissen, sind Neuentwicklungen oft nur für kurze Zeit bedeutend. Ausserdem dürfen Ärzte diese Antibiotika nur in absoluten Notfällen einsetzen, um neue Resistenzen zu verhindern. Für die Pharmaindustrie sei das ein schlechtes Geschäft, sagt Kronenberg. Es gibt aber vermehrt internationale Bestrebungen, weitere Antibiotika zu erforschen.

Schuld ist in erster Linie der Mensch

Für die Antibiotikaresistenzen sind wir hauptsächlich selbst verantwortlich. Über lange Zeit haben Ärzte sehr schnell Antibiotika verschrieben. Sogar bei Erkältungen oder einer Grippe. Das sind aber meistens virale Krankheiten, die mit Antibiotika gar nicht behandelbar sind, denn diese wirken nur gegen Bakterien.

Antibiotika unterscheiden sich in ihrem Wirkungsmechanismus. Entweder hemmen sie das Wachstum von Bakterien, sie schädigen die Zellmembran (die Hülle der Bakterien) oder sie stören den Zellwandaufbau und töten den Keim ab. Bakterien sind eigenständige Lebewesen, die sich sehr gut auf veränderliche Umweltbedingungen einstellen können. Somit sind sie in der Lage wirkungsvolle Resistenzen zu entwickeln.

Heute seien Ärzte und Patienten auf das Thema Antibiotikaresistenz sensibilisiert, sagt Kronenberg. «Gerade bei Verdacht auf eine Mittelohrenentzündung, einen oberen Atemwegsinfekt wie eine Kieferhöhlenentzündung oder bei Reisedurchfall warten Ärzte in der Regel. Erst bei längerem Verlauf oder Hinweisen für eine Komplikation verschreiben sie, wenn nötig, Antibiotika. Im Idealfall ein Schmalspurantibiotikum, dieses erledigt gezielt einzelne Keime.»

Antibiotika richtig anwenden

Die Schuld an der Resistenzzunahme liegt aber nicht allein bei den Ärzten. Viele Patienten wissen zu wenig über die Wirkungsweise von Antibiotika, wenden sie falsch an oder missachten Einnahmeempfehlungen von Fachpersonen. So gehen Sie richtig mit Antibiotika um:

  • Antibiotika haben in der Prävention nichts zu suchen. Wer vorsorglich auf seine Gesundheit achten möchte, sollte einen gesunden Lebensstil pflegen und wenn nötig mit natürlichen Mitteln das Immunsystem unterstützen.

  • Wer Antibiotika einnehmen muss, sollte die Anweisungen des Arztes genau befolgen. Ein frühzeitiger Therapieabbruch oder nur lückenhaft eingenommene Tabletten könnten bewirken, dass Bakterien überleben und resistent werden können. Brechen Sie also niemals eine Antibiotikabehandlung eigenmächtig ab.

  • Manchmal kommt es zu unnötigen Antibiotikaverschreibungen. Entweder, weil der Arzt es rät, oder der Patient es so will. Doch gerade bei viralen Infekten nützen Antibiotika nichts. Alternativen, zum Beispiel auf pflanzlicher Basis, wären hier die bessere Wahl. Sprechen Sie mit Ihrem Arzt darüber.

  • Wer Antibiotika einnimmt, sollte auf Alkohol verzichten, da Alkohol von der Leber abgebaut wird. Hier wird aber auch das Antibiotikum verwertet. Wenn Sie Alkohol und Antibiotika kombinieren, hat die Leber doppelte Arbeit. Die Wirkung des Alkohols verstärkt sich, die des Antibiotikums vermindert sich. Das kann bewirken, dass Bakterien nicht komplett sterben, sondern die Chance nutzen, sich an das Medikament anzupassen. Die Folge: Sie werden resistent.

  • Milchprodukte wie Joghurt und Käse können die Wirkung von Antibiotika abschwächen. Manche Antibiotika verbinden sich mit dem Kalzium aus der Milch. Der Körper kann sie nicht mehr aufschliessen. Das bremst die Wirkung des Medikaments aus. Damit das nicht passiert, sollten Sie nach der Einnahme von Tetracyclin-Antibiotika mindestens zwei Stunden lang keine Milchprodukte zu sich nehmen.

  • Schlucken Sie Antibiotika nicht mit Tee, Cola oder Kaffee, sondern nehmen Sie Wasser. Antibiotika kombiniert mit Koffein können für Herzrasen und Schlafstörungen sorgen. Das Medikament hemmt zudem den Abbau des Koffeins.

  • Einige Antibiotika vermindern die Wirkung der Antibabypille, lesen Sie daher aufmerksam die Packungsbeilage. Es kann auch vorkommen, dass Antibiotika Magen-Darm-Probleme verursachen. Erbrechen und Durchfall wiederum setzen die Wirkung der Antibabypille herab. Am besten verhüten Sie in dieser Zeit zusätzlich mit Kondomen.

  • Antibiotika und Sonnenbaden vertragen sich nicht. Es kann sein, dass Ihre Haut durch den Wirkstoff Tetracyclin sensibel auf Sonnenstrahlung reagiert. Tetracyclin erhöht die Lichtempfindlichkeit. Die Folgen können Sonnenbrand und Hautausschlag sein.

Regelmässig Hände waschen

Resistente Bakterien können von Mensch zu Mensch oder von Tier zu Mensch via Körperkontakt respektive über den Stuhl/Kot, infizierte Wunden oder verseuchtes Essen oder Wasser übertragen werden. Sie können sich schützen, indem Sie regelmässig Ihre Hände waschen. Wichtig ist das vor allem nach jedem Toilettengang und dem Kontakt mit Tieren. Früchte und Gemüse sollten Sie vor dem Essen immer waschen und auf keinen Fall rohes Fleisch verzehren. Reinigen Sie Arbeitsgeräte, mit denen Sie rohes Fleisch zubereitet haben, immer gut und schneiden Sie niemals Gemüse auf einem Brett, auf dem Sie zuvor Fleisch geschnitten haben.

Weil übermässiger Antibiotikaeinsatz auch in der Tierzucht ein Problem ist, überwachen Experten seit 2006 die Resistenzsituation bei Nutztieren in der Schweiz. Seit 1999 ist es verboten, Antibiotika zur Wachstums- und Leistungsförderung eines Tieres zu verwenden.

Resistenzentwicklung eindämmen

Es ist höchste Zeit für wirkungsvolle Massnahmen gegen Antibiotikaresistenzen. Wichtig wären zum Beispiel die Reduktion des unsachgemässen Antibiotikaverbrauchs sowie Massnahmen zur Infektionsprävention und -kontrolle in Spitälern, so dass resistente Bakterien nicht zwischen Patienten, Gesundheitspersonal und anderen Spitälern übertragen werden. Im Veterinärbereich sollen in der Schweiz unter anderem Massnahmen zur Verbesserung der Tiergesundheit definiert und gefördert werden, um den Antibiotikaverbrauch zu reduzieren.

Weil Krankheitserreger aber nicht vor Landesgrenzen haltmachen, lässt sich das Problem nicht national lösen. Die ganze Welt ist im Kampf gegen antibiotikaresistente Bakterien gefordert.

Experte Kronenberg schränkt aber ein: «Trotz aller Bemühungen werden gewisse Resistenzen zunehmen. Die Resistenz ist ein globales Problem, wir können uns nicht von Ländern mit sehr hohen Resistenzraten wie Indien isolieren.» Im Gegenteil. Die internationale Vernetzung durch den Reiseverkehr und Handel nimmt zu. Das führt dazu, dass sich neu auftretende Resistenzen innerhalb kürzester Zeit weltweit verbreiten. Mittlerweile haben sich einige resistente Erreger bereits so stark verbreitet, dass wir nichts mehr tun können, um sie aufzuhalten. «Viele Länder haben oft ganz andere Gesundheitssysteme, in die wir nicht einfach eingreifen können», sagt Kronenberg. Ausserdem hätten Nationen, in denen die Bevölkerung arm ist, grössere Probleme als unwirksame Antibiotika. «Uns bleibt also bloss noch der Versuch, die Situation in allen Bereichen zu optimieren. Leider gibt es keinen Schalter, den wir einfach umlegen können und alles wird gut.»

Autorin: Vanessa Naef
Redaktion: Bettina Epper
Quelle
  • «Drogistenstern»