Salutogenese

Gesund bleiben statt werden

Die Salutogenese stellt nicht die Krankheit, sondern die Gesundheit ins Zentrum. Und geht der Frage auf den Grund, was uns langfristig helfen könnte, gesund zu bleiben.

Was hilft den Menschen, gesund zu bleiben? Diese simple Frage steht hinter einem Konzept, das den komplizierten Namen «Salutogenese» trägt. Er ist abgeleitet vom lateinischen «salus» (Gesundheit, Heil, Glück) und vom griechischen «génesis» (Entstehung, Entwicklung), bedeutet also so viel wie «Entstehung der Gesundheit». Die Salutogenese legt den Fokus also auf die Gesundheit und ist damit das Gegenstück zur sogenannten Pathogenese, bei der der Fokus auf der Krankheit liegt.

Ganzheitliche Anschauung

Georg Bauer, Gesundheits- und Arbeitswissenschaftler an der ETH Zürich, ist schon früh in seiner Karriere, gleich nach Abschluss seines Medizinstudiums, auf den Begriff «Salutogenese» aufmerksam geworden: «Mir fiel bei meiner Arbeit im Spital auf, dass bildungsbenachteiligte Menschen früher und häufiger erkranken. Also wollte ich der Frage auf den Grund gehen, weshalb das so war.»

Schlechtere Ernährungsgewohnheiten und Risiken im Job waren eine mögliche Erklärung dafür, Bauer wollte den Fokus aber auf die positiven Faktoren richten. Also darauf, was diese Menschen gesund hält oder was sie gesund halten könnte. «Ich fand diese ganzheitliche, übergeordnete Anschauungsweise faszinierend, auch, weil man nicht an einer einzelnen Krankheit festhält, sondern sie in einen übergeordneten Lebenskontext stellt.» Treten beispielsweise Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Depressionen gehäuft auf, sollten auch Ursachen im Umfeld, sprich berufliche und private Situation, betrachtet werden.

Salutogenese

Als Begründer der Salutogenese gilt der israelisch-amerikanische Medizinsoziologe und Stressforscher Aaron Antonovsky (1923 bis 1994).

Den Anstoss zur Entwicklung des Modells gab eine Studie, die Antonovsky 1970 bei Frauen in den Wechseljahren durchführte. Dabei fiel ihm auf, dass unter den Frauen viele waren, die den Holocaust, also den nationalsozialistischen Völkermord in den 1930er- und 1940er-Jahren, gesundheitlich gut überstanden hatten. Er wollte herausfinden, was ihnen bei dieser enormen Stressbewältigung geholfen hatte.

Mit den Antworten der Frauen definierte er den sogenannten Sense of Coherence SOC. Dieser SOC beziehungsweise das sogenannte Kohärenzgefühl als grundlegende Lebensorientierung setzt sich aus drei Komponenten zusammen:

1. Verstehbarkeit (Comprehensibility)

2. Handhabbarkeit (Manageability)

3. Sinnhaftigkeit (Meaningfulness)

Kurz gesagt: Ein Mensch kann Belastungen besser bewältigen und mehr Wohlbefinden empfinden, wenn er sein Leben versteht, es als handhabbar empfindet und darin einen Sinn sieht.

Antonovskys Erkenntnisse werden mittlerweile weltweit genutzt, um beispielsweise chronische Krankheiten besser bewältigen zu können oder um Gesundheit zu fördern.

Das Positive sehen

Schnell war Georg Bauer vom Grundgedanken der Salutogenese überzeugt, jedoch spürte er, dass er das Konzept weiterentwickeln und den heutigen Gesellschafts- und Lebensformen anpassen wollte. «Die Anforderungen an die Menschen haben sich in den letzten vier Jahrzehnten stark gewandelt. Wir müssen mehr leisten in weniger Zeit, also habe ich mich in erster Linie dem Arbeitsplatz und den dazugehörigen Ressourcen gewidmet.»

Der Wissenschaftler ist überzeugt, dass eine gute Arbeitsumgebung, motivierende Aufgaben, eine gute Stimmung im Team sowie Respekt und Wertschätzung der Gesundheit dienen. Mittels wissenschaftlicher Studien zeigt Bauer den Unternehmen auf, inwiefern es sich lohnt, verstärkt ein Augenmerk auf eine ausgewogene Ressourcen-Belastungs-Balance zu richten: «Natürlich sind in der Arbeitswelt immer auch Aufgaben und Situationen dabei, die mühsam, auslaugend, erschöpfend, demotivierend sind. Es gibt aber auch jene, die aufbauend, motivierend und inspirierend sind. Sich dieser und der vielen positiven Aspekte bewusst zu werden, ist ein Ansatz, mit dem wir arbeiten.» Ein weiterer: Gemeinsam im Team zu eruieren, wie Belastungen zukünftig vermieden und Ressourcen wie gegenseitige Unterstützung gestärkt werden können.

Prof. Dr. med. Georg Bauer

Prof. Dr. med. Georg Bauer ist Mediziner mit einem Doktor in Public Health der Universität Berkeley (USA) sowie einer Habilitation am Lehrstuhl für Arbeits- und Organisationspsychologie an der ETH Zürich. Er leitet seit 2001 die Abteilung Public & Organizational Health und seit 2017 das neu gegründete Center of Salutogenesis an der Universität Zürich. Seine Forschungsschwerpunkte sind Salutogenese, positive Gesundheitsentwicklung bei der Arbeit und in Organisationen, Flexibilisierung der Arbeitswelt sowie entsprechende Interventionsansätze in Unternehmen.

Krankheit als Signal

In der Praxis schult Georg Bauer erst die Führungskräfte, damit diese ihre Erkenntnisse an die Mitarbeitenden weitergeben können. Häufig erlebt er einen «Aha-Effekt», weil Teams Lösungen erarbeiten, die schon lange in der Luft lagen: «Häufig fehlt nur die Zeit beziehungsweise das langfristige Denken, um die Arbeitsprozesse zu überdenken und zu optimieren.» Daher hat Bauer mit seinem Team ein digitales Tool entwickelt, das Führungskräfte und ihre Teams darin unterstützt.

Inwiefern nutzt Georg Bauer die salutogenetischen Ansätze für sich selber? «Wenn ich in stressreichen Zeiten Rückenschmerzen oder Verspannungen habe, nehme ich das als Signal. Anstatt eine Pille einzuwerfen, baue ich wieder bewusster Pausen mit Kollegen ein, die mich motivieren und mir guttun, und setze Prioritäten neu. Dann gehen die Verspannungen auch wieder weg.»

Autorin: Denise Muchenberger
Redaktion: Bettina Epper
Wissenschaftliche Kontrolle: Dr. phil. nat. Anita Finger Weber
Quellen
  • Drogistenstern

  • Prof. Dr. med. Georg Bauer, Zentrum für Salutogenese, ETH Zürich, www.salutogenese-zentrum.de

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