«Fasten bringt die Organe auf Trab»

Öfter mal aufs Essen zu verzichten ist gesund, denn das regt den Stoffwechsel an. Weshalb es dafür keine länger dauernden Fastenkuren braucht, erklärt Susanne Klaus, Professorin am Deutschen Institut für Ernährungsforschung in Potsdam-Rehbrücke.

Susanne Klaus, wie lange kann man unbeschadet Fasten?

Susanne Klaus: Für Gesunde sind eine bis zwei Wochen unbedenklich. Nach zwei Wochen hat sich der Stoffwechsel umgestellt und den Energieverbrauch minimiert. Dadurch besteht jedoch das Risiko, nach der Fastenkur um so schneller wieder zuzunehmen. Generell wandelt der Organismus neben Fett auch Proteine in Zucker zur Energiegewinnung um. Das bedeutet, wir bauen beim Fasten immer auch Muskelmasse ab. Dazu gehört langfristig auch der Herzmuskel und die Atemmuskulatur.

Was halten Sie von Fastenkuren?

Wenn sie medizinisch begleitet werden, vielleicht sogar in einer Klinik, kann es durchaus sinnvoll sein, mal eine Woche auf feste Nahrung zu verzichten. Dabei sollte man aber nicht nur Wasser trinken, sondern besser Gemüsebrühe und Säfte. Sie enthalten wichtige Mineralstoffe.

Wozu soll das sinnvoll sein?

Um sich beispielsweise des eigenen Essverhaltens bewusst zu werden. Ein kontrollierter Nahrungsverzicht im Rahmen einer Fastenkur kann den Neubeginn zu einer gesunden Lebensweise einleiten. Zudem legen Studien nahe, dass Fasten sich positiv auf Blutdruck und Cholesterin auswirkt, den Zuckerhaushalt reguliert und chronische Schmerzen lindert. Es gibt auch Hinweise, dass Patienten mit Krebs weniger unter den Nebenwirkungen einer Chemotherapie leiden, wenn sie zuvor gefastet haben. Das gilt aber nur für das so genannte kurzzeitige Fasten, auch Intervallfasten genannt.

Was ist darunter zu verstehen?

Ganz einfach, einen, höchstens zwei Tage keine feste Nahrung zu sich nehmen. Das ist für manche einfacher in den Alltag einzubauen, als eine tagelange Fastenkur. Positive Effekte im Körper finden schon statt, wenn man 16 bis 18 Stunden am Stück nichts isst, also zum Beispiel aufs Nachtessen verzichtet.

Von welchen positiven Effekten sprechen Sie?

Wenn wir immer mal wieder solche Essenspausen einlegen, bringt das die Organe auf Trab und kurbelt den Stoffwechsel und das Immunsystem an. Denn unser Organismus ist nicht auf permanente Zufuhr von Energie programmiert, sondern darauf, auch längere Zeit ohne Nahrung überbrücken zu können. Sobald die Energiereserven in der Leber und den Muskeln aufgebraucht sind, stellt der Stoffwechsel in den Recyclingmodus um. Das heisst, er gewinnt aus Stoffwechselprodukten wie Ketonkörpern und Laktat Energie, um Zucker einzusparen. Die Ketonkörper entstehen beim Abbau von Fetten, Laktat ist ein Endprodukt des Zuckerstoffwechsels. Kurzzeitfasten gibt den körpereigenen Abwehrkräften zudem immer wieder neue Impulse. Das ist gesund, weil das Immunsystem solche Herausforderungen braucht, um sich auszubilden. Neuere Untersuchungen zeigen zudem, dass es die Körperzellen zum «Saubermachen» anregt.

Was heisst das?

In allen Zellen fallen dauernd Abfallprodukte an. Das können deformierte Eiweisse sein, kaputte Zellbestandteile. Kurzzeitige Hungerzustände setzen in den Zellen eine Art Selbstverdauungsprogramm in Gang. In der Fachsprache heisst das Autophagie. Dabei verwerten die Zellen sozusagen ihren eigenen «Müll» wieder, um daraus Energie zu gewinnen. Je weniger «Zellschrott» sich in einem Organismus anhäuft, umso gesünder ist er.

Ist Fasten für alle Menschen unproblematisch?

Nein. Kinder und Menschen mit einer Essstörung dürfen sicher nicht fasten. Chronisch Kranke sollten nicht ohne ärztliche Aufsicht die Nahrung einschränken. Wenn gesunde, erwachsene Personen länger als eine Woche nichts essen wollen, sollten sie sich medizinisch begleiten lassen. Auch älteren Menschen ab etwa 70 Jahren würde ich zu Vorsicht raten. Im Zweifelsfall sollte immer der Hausarzt entscheiden.

Haben Sie selber auch schon gefastet?

Eine Kur habe ich noch nie gemacht. Da ich aber allmählich in die Wechseljahre komme, muss ich mich bemühen, mein Gewicht zu halten. Deshalb versuche ich, zuckerhaltige Lebensmittel zu reduzieren. Verzicht darf aber nicht zum Zwang werden. Essen ist ein Genuss und so soll es auch bleiben.

Autorin und Redaktion: Brigitte Jeckelmann