Chronische Schmerzen

Schmerztherapeuten versuchen nicht nur, eine Schmerzreduktion und eine verbesserte Lebensqualität zu erreichen, sie verstehen sich auch als Anwälte für Menschen mit einem unsichtbaren Leiden.

Ulf Klostermann, Anästhesist mit Spezialisierung in Schmerztherapie und Mitinhaber des Schmerz-Zentrums Zofingen im Kanton Aargau: «Wenige Patienten sterben an Schmerzen, aber viele sterben mit Schmerzen, und noch viel mehr müssen mit Schmerzen leben.» Für Klostermann liegt das eigentlich zentrale Problem von Schmerzpatienten in einem Lobbyproblem. «Hat jemand einen Beinbruch oder einen amputierten Arm, dann sieht jeder, was los ist.» Hingegen sind Schmerzen für die Umwelt, auch für die Angehörigen, unsichtbar – mit teils gravierenden sozialen Folgen wie Arbeitsplatz- oder Partnerverlust. Auch haben chronische Schmerzen im Gegensatz zum akuten Schmerz keine Warnfunktion mehr. Mit Schmerzen ist man weitgehend alleine.

Statistik verhalf zum Durchbruch

Statistische Erhebungen haben 2003 erstmals das Ausmass des Problems Schmerzen aufgezeigt: 1,2 Millionen Menschen (oder 16 Prozent der Bevölkerung) in der Schweiz leiden an chronischen Schmerzen. In jedem dritten Haushalt lebt ein Patient mit chronischen Schmerzen. Die Patienten leiden im Durchschnitt seit 7,7 Jahren an Schmerzen. Dieses alarmierende Ausmass hat in der Schweiz zu einem Umdenken in Sachen Schmerztherapie geführt.

Klostermann betont, dass es bei der Schmerztherapie in erster Linie um eine Verbesserung der Lebensqualität geht, aber dass in Zukunft auch vermehrt gesellschaftliche und ökonomische Interessen berücksichtigt werden müssten. Patienten mit chronischen Schmerzen kommen das Gesundheitssystem teuer zu stehen, zumal viele «Schmerzkarrieren» in einer IV-Rente enden. Deshalb seien er und seine rund 100 Kolleginnen und Kollegen in der Schweiz auch Reisende in eigener Sache: «Wir halten viele Vorträge, um unser Anliegen bekannt zu machen und Krankenversicherer, Spitäler, Hausärzte mit ins Boot zu holen.» Schmerzpatienten ernst nehmen, ihnen zu einem besseren Leben verhelfen, das sei eine wichtige Massnahme gegen explodierende Gesundheitskosten.

Nur im Team möglich

Im Schmerz-Zentrum Zofingen arbeiten Ärzte verschiedenster Fachrichtungen mit der Spezialisierung Schmerztherapie mit Chiropraktoren, Psychologen und Psychiatern als Team eng zusammen: «In der Schmerztherapie kann man nur im Team Erfolge erzielen.» Grund: Fast die Hälfte der chronischen Schmerzpatienten leidet zusätzlich an Depressionen oder Angststörungen und hat mit Schlafproblemen zu kämpfen. Eine Verbesserung der Lebensqualität sei da nur mit einem ganzheitlichen Ansatz möglich. Denn oft geht es darum, dem Patienten verständlich zu machen, dass zwar seine Depressionen und Schlafstörungen behandelt, eine Schmerzreduktion erzielt werden kann, aber dass ein völlig schmerzfreies Leben nicht immer möglich sein wird. Immerhin: «Bei fünfzig Prozent der chronischen Schmerzpatienten können wir eine Schmerzreduktion von 50 Prozent erzielen.» Der Abschied vom Wunsch nach einem schmerzfreien Leben sei ein Prozess, der auch psychologisch unterstützt und begleitet werden muss.

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Autorin und Redaktion: Katharina Rederer
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