Parfüm

Eine Reise ins Reich der Düfte

Ein Parfüm ist mehr als nur ein Duft. Ein Parfüm ist ein sinnliches Erlebnis, eine Reise in die Vergangenheit, ein Tor in andere Welten.

Mitten in Chur liegt das Tor zu einer faszinierenden Welt: dem Reich der Düfte. Den Schlüssel dazu hütet Drogist, Aromatherapeut und Parfümeur Patrick Stebler. In seiner Drogerie verkauft er aber nicht einfach Parfüms. Er lässt sie seine Kundschaft erschnuppern, erfahren, erleben. Und manchmal macht er jemanden so richtig glücklich.

In Erinnerungen schwelgen

Nur schon bei der Erwähnung des Wortes «Duft» beginnen Patrick Steblers Augen ein bisschen zu leuchten. «Klar, lebensnotwendig ist ein Parfüm nicht», sagt er. «Aber es ist etwas Wunderschönes. Düfte sind die intensivste Form der Erinnerung.» Ein Geruch kann in einem Menschen extrem viel auslösen. Die erste Reise ans Meer steht einem wieder glasklar vor Augen, wenn man Wassermelone riecht, weil es das am Strand immer gab. Die kuscheligen Abende mit dem Grossvater vor dem Cheminée tauchen aus dem Unterbewusstsein auf, wenn man Zimt, Zeder und Salbei riecht. Exakt Opas Rasierwasser. Kurz: Düfte wecken Emotionen. Starke zuweilen. «Ich hatte schon Kunden, die weinten, weil wir exakt den Duft gefunden haben, der sie an etwas ganz Spezielles erinnert», sagt er und sucht ein Flakon aus dem Regal heraus. 

Patrick Stebler

Patrik Stebler ist seit 1990 Inhaber der Drogerie Stebler in Chur (GR). Seine Spezialgebiete sind Parfüms, Naturheilmittel und Naturkosmetik.

www.stebler-sinnesduefte.ch

Auf dem Meer segeln

Stebler sprüht ein paar Stösse in ein Papiertüchlein. «Dieser Duft erinnert an Meer, an Ferien. Und er hat, wie alle Düfte, eine Geschichte. Dieses Parfüm hat seinen Ursprung in einer Segeltour Richtung Sardinien und Korsika. Man steht an Bord und schliesst die Augen. Die Meeresbrise kitzelt die Nase – genau diesen Duft bildet das Parfum ab.» Ich schnuppere an dem Tuch und fühle mich nicht wohl. Fast ein bisschen krank. Riecht das wie Erkältungssalbe? «Das kann sein», sagt Stebler. «In diesem Parfüm ist Myrtenkraut, welches das ätherische Öl Menthol enthält. Dieser Duft wäre also nichts für Sie, aber andere erinnert er an Ferien.»

Duftgruppen 

Düfte sind in acht Hauptgruppen unterteilt: 

  • Blüten wie Jasmin, Lavendel, Rosen 

  • Früchte wie Bergamotte, Zitrone

  • Gewürze wie Ingwer, Vanille

  • Rinden und Harze wie Sandelholz, Weihrauch

  • Blätter, Gräser, Moose, Beeren, Wurzeln wie Citronella, Patschuli

  • Tierische Sekrete wie Moschus, Amber

  • Gourmand-Noten wie Schokolade, Mandel

  • Synthetische Duftstoffe wie Aldehyde, Phenole

Düfte sind eben sehr individuell. Was dem einen gefällt, kann die andere nicht ausstehen. «Das hat auch mit Religion, mit Kulturen zu tun. In Nordeuropa parfümiert man sich beispielsweise eher zurückhaltend. Ganz anders im Orient, wo sich die Menschen intensiv mit Düften einhüllen.»

Ein Buch beschnuppern

Der Name Parfüm kommt von lateinisch «per fumum», was «durch Rauch» bedeutet. Bereits 7000 vor Christus bedufteten sich die Menschen, damals noch, indem sie Stoffe wie Hölzer oder Weihrauch verbrannten. Erst, als Destillation aufkam, gab es Parfüms in der heutigen Form.

Heute hat ein Parfümeur die Wahl aus rund 500 natürlichen und rund 2500 synthetischen Duftstoffen aus acht verschiedenen Hauptgruppen. «Grundsätzlich gibt es nichts, was es nicht gibt», sagt Stebler und zieht ein Buch hervor, darin eingebettet ein Fläschchen. «Dieses Parfüm erinnert an den Duft eines neu gekauften Buches.» Und tatsächlich, dem Papiertüchlein entströmt Buchduft. Herrlich!

Konzentration des Duftstoffes 

  • Parfüm: 12–20 Prozent

  • Eau de Parfum: 8–15 Prozent

  • Eau de Toilette: 5–8 Prozent

  • Eau de Cologne: 2–5 Prozent

  • Rasierwasser: 0,5–3 Prozent

Nach Brasilien reisen

Düfte für Männer und Düfte für Frauen – das gibt es bei Patrick Stebler übrigens nicht. «Alle sollen den Duft nehmen, der ihnen gefällt. Frauen- und Männerparfüms, das ist eine Erfindung der Industrie.» 

Ein Parfüm duftet nicht immer gleich. Zuerst erschnuppert man die sogenannte Kopfnote, darauf folgt die Herz- und schliesslich die Basisnote. Die Kopfnote ist 5 bis 10 Minuten lang dominant. Das sind vor allem leichtflüchtige Düfte wie Orangen oder Zitronen. Die Herznote, vor allem Blumen wie Lavendel oder Rosen, herrscht bis zu zwei Stunden vor. Und schliesslich die Basisnote, die bis zu 4 Stunden wahrnehmbar ist. Hier handelt es sich vor allem um Hölzer und Harze.

Und schon steht das nächste Flakon bereit. «Dieser Duft erinnert an Brasilien. In der Kopfnote hat er Zitrone, Bergamotte, Mandarine, alles frische Düfte. Nach einer gewissen Zeit kommen Ingwer, Pfeffer und Kardamom, die sind feurig. Und in der Fussnote sind dann Caipirinha und Rum. Eine wilde, spannende Mischung.» Und obwohl ich noch nie in Brasilien war, fühle ich mich schon irgendwie in weiter Ferne, wenn ich tief einatme. Doch eigentlich reise ich am liebsten in die kühlen Schweizer Berge.

Herstellung der Duftstoffe

Es gibt vier Herstellungsmethoden für Duftstoffe: 

  • Destillation: Geeignet für wenig empfindliche Stoffe wie Kräuter und Hölzer. Pflanzenteile werden zerkleinert, danach wird Wasserdampf hindurchgeleitet. Der mit den Duftstoffen gesättigte Dampf wird durch Abkühlung kondensiert und daraus das ätherische Öl gewonnen.

  • Extraktion: Frische oder getrocknete Pflanzenteile werden mit einem Lösungsmittel durchspült. Danach wird das Lösungsmittel destilliert.

  • Expression (Auspressen): Ätherische Öle werden mechanisch ausgepresst. Diese Methode eignet sich für Zitrusfrüchte wie Orangen und Zitronen. 

  • Enfleurage: Eignet sich für Blüten. Diese werden auf einer mit Fett bestrichenen Glasplatte aufgedrückt, das Fett saugt den Blütenduft auf. Die Duftstoffe werden dann mit Alkohol aus dem Fett herausgelöst.

Im Arvenwald wandern

Natürlich hat Patrick Stebler auch das. Seine Eigenkreation. Eines von zwei Parfüms, die er zusammen mit einem Jugendfreund anlässlich ihres 50. Geburtstages entwickelt hat. «Dieser Duft soll an einen Spaziergang in einem Bündner Arvenwald im Herbst erinnern.» Und das tut er. Das passt zu mir.

Und darauf kommt es an. «Mit einem Parfüm sollte man sich wohlfühlen, ein Duft ist sehr persönlich und intim.» Darum ist es auch so wichtig, sich beim Aussuchen Zeit zu nehmen. «Kaufen Sie bloss nie ein Parfüm, weil es gerade Mode ist oder weil eine Sängerin ihren Namen dafür hergegeben hat. Probieren Sie den Duft aus, auch auf der Haut. Und ist der richtige Duft einmal gefunden, bleiben Sie ihm treu.»

Vier bis sechs Parfüms sollte man daheim haben, rät der Experte. Eines für die Arbeit, eines für den Ausgang. Eines ist eher für den Sommer, eines für den Winter … «Je nach Situation hat man so immer das passende zur Hand.»

Preise von Parfüms

Parfüms, vor allem solche mit (fast) ausschliesslich natürlichen Inhaltsstoffen, können sehr teuer sein. Das liegt an der aufwendigen Herstellung. Für wenige Tropfen reines Rosenöl beispielsweise werden mehrere Tonnen Rosenblätter gebraucht. Grundsätzlich sind Parfüms mit hochwertigen Inhaltsstoffen teurer, sie halten aber auch länger, da weniger davon verwendet werden muss.

Und wo trägt man das Parfüm am besten auf? «Jemand hat einmal gesagt, überall, wo man gerne geküsst werden möchte.» Stebler lacht. «Am besten aufsprühen, wo das Blut gut fliesst und es entsprechend warm ist. Also an den Handgelenken, hinter den Ohren, zwischen den Brüsten. Was sich auch gut eignet, sind die Haare oder die Kleidung, zum Beispiel der Schal im Winter. Hier aber aufpassen, dass es keine Flecken gibt.» Einen hochwertigen Duft muss man nur einmal am Tag auftragen. 

Ganz zum Schluss holt Patrick Stebler seinen Verkaufsschlager aus dem Regal. «Das ist der Beweis, dass ein Duft etwas bewirken kann. In einem normalen Parfüm sind bis zu 60 verschiedene Inhaltsstoffe drin, hier nur ein Molekül, das Iso E Super Gamma, ein Pheromon. Und das wirkt, davon bin ich felsenfest überzeugt. Wäre ich auf Partner- oder Jobsuche, ich würde mich damit parfümieren. Und hätte bestimmt Erfolg.» 

Es gäbe auch noch den «Frische-Wäsche-Duft», der sich für Menschen eignet, die bei ihrer Arbeit mit anderen Menschen in engen Kontakt kommen wie Ärztinnen, Coiffeusen oder Masseure. Oder den «Kinderpuder-Duft», den ältere Damen lieben, oder den südländischen Pinienhain, oder die Pferdeherde …

Autorin und Redaktion: Bettina Epper
Quellen
  • Drogistenstern

  • Drogist HF Patrick Stebler

  • Leiterin Wissenschaftliche Fachstelle (WIF) des Schweizerischen Drogistenverbandes: Dr. phil. nat. Anita Finger Weber

  • Andrea Peng, Marianne Tresch: «Schönheitspflege/Hygiene/Medizinprodukte 1/2», Lehrmittel Drogistin EFZ / Drogist EFZ, Careum Verlag, 2012