Allgegenwärtige Nanomaterialien

Hightech macht auch vor Sonnen­schutz nicht halt. In vielen Produkten stecken Nano­materialien. Vor diesen Kleinst­partikeln wird immer wieder gewarnt. Wie gefährlich sind sie?

Egal, ob Sie Auto fahren, das Gesicht reinigen oder joggen, Nanomaterialien begleiten Sie durch den Alltag. Die winzigen, für das menschliche Auge unsichtbaren Partikel kommen mittlerweile in allen möglichen Produkten vor: in Sonnencremes, Kosmetikprodukten, Nahrungsmitteln, elektronischen Geräten oder auch in Medikamenten.

Keine Standards

Der Name der Kleinstpartikel leitet sich von «Nanometer» ab. Das ist der milliardste Teil eines Meters. Nanomaterialien werden nach ihrer Entstehung unterschieden: Es gibt jene natürlichen Ursprungs, die beispielsweise bei einem Vulkanausbruch freigesetzt werden. Andere entstehen als Nebenprodukt menschlicher Tätigkeiten, zum Beispiel beim Rauchen oder der Verbrennung von Diesel. Und eine dritte Gruppe wird für einen bestimmten, meist industriellen Zweck hergestellt.

Diese letzte Gruppe wird in zahlreichen Branchen verwendet. Die Kommunikationstechnologie arbeitet gerne mit Nanopartikeln in elektronischen Anwendungen. Auch der medizinische und pharmazeutische Bereich nutzt sie, zum Beispiel als Trägerstoffe, um Wirkstoffe gezielt an die gewünschte Stelle im Körper zu transportieren. Einziger Wermutstropfen: Es gibt Nanomaterialien, die die Gesundheit beeinträchtigen können. Und: Noch gibt es keinen internationalen Beurteilungsstandard. Es muss somit fallweise entschieden werden, welche Untersuchungen nötig sind, um die Giftigkeit der Partikel zu beurteilen. Besonders wichtig ist es, jene Mechanismen zu kennen, die zu Langzeiteffekten führen. Die Forschung beschäftigt sich schon lange mit dieser Frage. Erst mit ihren Antworten könnten Nanomaterialien gruppiert und gezielt beurteilt werden. Denn lange nicht alle Nanopartikel sind toxisch.

Nanomaterialien in Alltagsprodukten

  • Der industriell hergestellte Russ Carbon Black besteht hauptsächlich aus Kohlenstoff und dient als Füllstoff und Schwarzpigment. Er ist wegen seiner Verstärkungswirkung in Gummi in allen möglichen Pneus zu finden.

  • Als transparenter UV-Filter ist Titandioxid häufig in kosmetischen Produkten wie in Sonnencremes enthalten. Es wird auch in Farben und Textilien eingesetzt. Titandioxid durchdringt die gesunde Haut nicht und gilt deshalb als ungefährlich für die tägliche Anwendung. Alle Produkte auf dem Markt, die Titandioxid enthalten, sind somit sicher.

  • Die besonderen mechanischen Eigenschaften machen Siliziumdioxid für zahlreiche Produkte interessant. Es kommt unter anderem in Autoreifen, in PET-Flaschen und in Lebensmittelverpackungen vor. Auch in Lebensmitteln wie Salz oder Streuwürze kann Siliziumdioxid als Antiklumpmittel enthalten sein.

Es gibt Risiken

«Ernsthafte Bedenken» bei einigen industriell hergestellten Nanopartikeln hat der wissenschaftliche Ausschuss «Neu auftretende und neu identifizierte Gesundheitsrisiken» (SCENIHR) der EU geäussert. So könnten eine Reihe von Nanomaterialien zu Entzündungen und Gewebeschäden der Lunge führen, wenn sie eingeatmet werden oder über die Haut in den Körper eindringen. Andere können das Herz-Kreislauf-System schädigen. Und in Tierversuchen haben Forscher Risiken für weitere Organe und Gewebe wie Leber, Nieren, Herz, Gehirn und Knochen nachgewiesen. Im Alltag ist der Mensch aber kaum betroffen. Bauarbeiter und Handwerker hingegen, die auf Baustellen häufig von Nanostaub umgeben sind, sowie Produzenten von Nanopartikel sollten sich entsprechend schützen.

Kritische Nanopartikel

Konsumentinnen und Konsumenten wissen nicht, welche Alltagsprodukte Nanopartikel enthalten. Der Bundesrat will das ändern und einführen, dass Nanomaterialien in Lebensmitteln und Kosmetika deklariert werden müssen. In der EU ist dies bereits der Fall.

Tobias Walser vom Bundesamt für Gesundheit ist überzeugt, dass ein Nano-Label in der Schweiz ebenfalls realisiert werden kann. «Ob gekennzeichnet oder nicht: Die Produkte sind für den Konsumenten sicher – das Label ist kein Gefahrenhinweis.» Es gehe nur um Transparenz. Jedes Nanomaterial und jede Anwendung muss separat untersucht und beurteilt werden. «Die Lunge gilt heute als die wichtigste Eintrittspforte für Nanomaterialien in den Körper, weshalb Nanomaterialien, die in der Luft sind, das grösste Risiko darstellen.»

Ein vom Bund in Auftrag gegebener Untersuchungsbericht identifizierte jene Nanomaterialen, die in der Schweiz häufig eingesetzt werden. Dazu gehört Titandioxid, das Sonnencremen und Produkten aus der Kosmetikindustrie als UV-Schutz beigemischt wird. Laut dem Bericht ist zwar der alltägliche Gebrauch für den Menschen nicht gefährlich. Offen bleiben aber die Folgen für die Umwelt, wenn die Titandioxid-haltigen Cremen ins Wasser gelangen.

Bedenklicher sind gewisse asbest ähnliche Formen von Nanokohlenstoffröhrchen, deren Einatmung vermieden werden sollte. Weil die Partikel nur in fest gebundener Form in Verbundwerkstoffen vorkommen, sind sie für den Menschen im Alltag ungefährlich. Bei Herstellung und Entsorgung der Röhrchen muss aber darauf geachtet werden, dass keine Fasern freigesetzt werden und in die Luft gelangen. Generell gilt: In der Anwendung sind Nanopartikel meist gebunden und bergen daher kaum Risiken. Heikel können Produktion und industrielle Entsorgung sein.

Foto: © Manfred Walker / pixelio.de
Autorin: Denise Muchenberger
Redaktion: Bettina Epper
Quelle
  • «Drogistenstern»