«Jeder Schritt ist wichtig beim Pilgern»

Ob Moslem, Jude, Hindu, Buddhist oder Christ, sie alle pilgern schon seit Jahrhunderten. In der Natur aufgehen und eins mit sich selbst werden können aber auch Menschen, die nicht gläubig sind. Ein Gespräch mit dem Berner Autor Pier Hänni.

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Herr Hänni, was bedeutet Pilgern?

Pier Hänni: Ich habe mit vielen Pilgern gesprochen und manche erzählen, wie sie beim Gehen nur noch an die Kilometer denken, die sie abspulen. Das ist natürlich nicht gemeint. Ich habe einmal gelesen, Pilgern sei «Beten mit den Füssen», das trifft es gut. Der Weg ist das Ziel.

Es ist nicht wichtig, wohin man geht?

Jeder einzelne Schritt ist wichtig. Es gibt eine schöne alte Geschichte. Es mag vor 500 Jahren gewesen sein. Ein Berner wurde krank und niemand wusste, was er hatte. Er wollte ins Cluniazenser-Kloster nach Rüeggisberg, weil er hoffte, die Mönche könnten ihn gesund machen. Er wanderte an einem schönen Tag los und bekam Durst. Am Wegrand stand ein Brunnen, er ging hin und trank. Und das Wasser war so gut, er trank immer weiter, ja, er habe «gesoffen wie eine Kuh», heisst es in der Überlieferung. Und dann setzte er sich hin, und es ging ihm so gut wie nie zuvor. Er war geheilt. Diese Geschichte zeigt, dass das, was man sucht, manchmal am Weg liegt. Wer sich zu stark auf ein Ziel fixiert, verpasst diesen Moment unter Umständen.

Pier Hänni

Der Berner Autor Pier Hänni hat mehrere Bücher über Wanderungen zu Kraftorten in der Schweiz geschrieben und erforscht seit Ende der 1960er-Jahre geistige Traditionen, Naturmythologie und Volkskunde.

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Pilgern ist also nicht unbedingt mit einer bestimmten Absicht verbunden?

Früher pilgerte man tatsächlich in erster Linie mit Absichten. Man wünschte sich etwas, Heilung zum Beispiel, und dann ging man los. Ich denke aber, wir kommen dem, was wir wirklich brauchen, am nächsten, wenn wir eine gewisse Absichtslosigkeit haben. Meistens wissen wir nämlich gar nicht so genau, was wir suchen, und dann kann es passieren, dass wir ganz schön am Ziel vorbeischiessen. Im Wallis kam ich einmal ins Gespräch mit einer alten Frau. Sie erzählte, wie sie dem heiligen Antonius ihre Sorgen und Nöte mitteilt, und dass sie ihm sagt, was sie sich wünscht. «Aber am Schluss sage ich immer, Töni, mach, wie du willst. Du weisst es besser als ich.»

Sie lernen viel von Menschen, die Sie unterwegs treffen?

Einige der besten Gespräche meines Lebens habe ich mit Menschen geführt, die ich zufällig getroffen habe. Unterwegs kommt man mit Menschen zusammen, mit denen man sonst nie in Kontakt gekommen wäre, und es kann passieren, dass man sie als Bruder und Schwester erkennt.

Dazu muss man aber besonders offen sein, oder?

Ja. Aber es lohnt sich. Ich mache auch mehrtägige Wanderungen, bei denen ich in eine ganz besondere Stimmung komme. Dabei habe ich immer wieder erlebt, dass ich genau dort ganz grossartige Erfahrungen gemacht habe, wo ich es gar nicht erwartet hatte. Ich war öfter unterwegs zu Orten, an denen ich nie angekommen bin. Weil ich unterwegs bei einem Baum sass und plötzlich dachte, ich will gar nicht mehr weiter. Wenn man unterwegs ist, fällt viel Unnötiges weg. Ja, es muss sogar wegfallen.

Wer pilgert, muss verzichten?

Das gehört dazu. Wenn man mehrere Tage geht und in sehr einfachen Unterkünften übernachtet, muss man seine Gewohnheiten hinter sich lassen. Im Himalaja beispielsweise ist man froh, dass der Boden, auf dem man schläft, aus Holz und nicht aus Stein ist. Und wenn ein Mätteli drunterliegt, ist man glücklich. Wir Menschen sind in einem Korsett aus Gewohnheiten gefangen, das uns hindert und das wir ablegen müssen.

Wer pilgert, sucht immer eine heilige Stätte auf, so die Vorstellung. Kann ich auch auf einem «normalen» Wanderweg pilgern?

Pilgern kann man überall. Ich habe die besten Erfahrungen in der Natur gemacht, wo es ruhig ist, wo die Wege schmal werden, wo Tiere auftauchen, die man sonst nicht sieht. An solchen Orten kommt die erwähnte ganz besondere Schwingung auf; und dann wird das Gehen wirklich zum Beten mit den Füssen.

Autorin und Redaktion: Bettina Epper
Quellen
  • Drogistenstern