Hormone einfach erklärt

Die wundersame Welt der Botenstoffe

Hormone steuern vieles im menschlichen Körper. Einblicke in das Schaffen dieser kleinen, aber einflussreichen Botenstoffe.

Erst Himmelhochjauchzend, dann wieder zu Tode betrübt. Schuld daran haben zu einem grossen Teil die Hormone. Niklaus Kamber, Leiter der Endokrinologie und Diabetologie des Kantonspitals Graubünden: «Hormone stecken hinter Gefühlen, Handlungen, dem ganzen Wohlbefinden. Das endokrine System ist sehr komplex. Jede einzelne Zelle ist eine Wissenschaft für sich und an unzähligen Abläufen beteiligt.»

Wie komplex das endokrine System (siehe Kasten) ist, weiss Kamber nicht nur aus Büchern und seinem Studium. Er beobachtet es fast täglich in Behandlungen. «Menschen können völlig unterschiedlich auf die gleiche Therapie reagieren. Nehmen wir die Antibabypille als Beispiel. Bei den einen Frauen löst sie Gefühlsschwankungen aus, bei anderen nicht. Manche haben durch sie weniger Menstruationsbeschwerden, andere wiederum bemerken kaum einen Unterschied.» Warum das so ist, wissen nicht einmal die Ärzte.

Das Hormonsystem

Zum hormonellen System gehören unter anderem die Drüsen (z.B. Bauchspeicheldrüse, Schilddrüse, Hoden), die die Hormone produzieren, die Blutbahnen, die die Hormone an ihren Wirkungsort transportieren, sowie das Gehirn (siehe Funktion des Hypothalamus). «Das endokrine System hat ausserdem viele verschiedene Schnittstellen mit dem Nervensystem, das ebenfalls Körperfunktionen steuert», sagt Kamber.

Die hormonproduzierenden Drüsen haben einen direkten Anschluss an die Blutgefässe. «Im Blut können Hormone von einem Organ oder Gewebe zum anderen gelangen und dort ihre Information abliefern, respektive den Stoffwechsel der Zielzelle verändern. «Am Zielort docken Hormone an einen Rezeptor an und beginnen mit ihrer Arbeit. Zum Beispiel mit der Produktion einer Substanz.» Das Hormon ist also wie ein Schlüssel, der ins Schloss, beziehungsweise zum Rezeptor der Körperzelle passt. Der neue Zustand wird wieder gemessen, beispielsweise in Zellen, und der Regelkreis geschlossen.»

Zur Veranschaulichung wählt Kamber den Blutzucker: In der Bauchspeicheldrüse befindet sich eine Gruppe von Zellen, die sogenannten Langerhans-Inseln. Diese messen den Blutzucker und reagieren darauf. «Ist er erhöht, produzieren die Langerhans-Inseln Insulin, das blutdrucksenkende Hormon. Über den Blutkreislauf wandert es zum Fett- und Muskelgewebe, dort dockt es an und sorgt dafür, dass das Gewebe den Blutzucker aus dem Blut aufnimmt. Resultat: Der Blutzucker sinkt und es wird wieder weniger Insulin ausgeschüttet.»

Aufgaben der Hormone

Vereinfacht gesagt sind Hormone also körpereigene Botenstoffe, die wie Signale wirken. Bekannt sind rund 100. Sie haben die Aufgabe, den Körper gesund zu halten und steuern viele Körperfunktionen wie zum Beispiel die Verdauung, das Wachstum, die Fortpflanzung, den Blutzucker oder die Reaktion auf Stress. Kamber: «Einfach gesagt, regen Hormone eine Körperfunktion an oder bremsen sie. Zum Beispiel sorgen sie dafür, dass der Blutzucker steigt oder sinkt.»

Hormone der Hirnanhangdrüse sind zum Beispiel:

  • das Wachstumshormon (Somatotropin). Es steuert das Wachstum des Körpers, indem es Körperzellen anregt, sich zu teilen.

  • Prolaktin, das bei Frauen die Milchproduktion in den Brustdrüsen anregt.

  • das Hormon Thyrotropin (TSH), das die Schilddrüse anregt, wachstums- und stoffwechselregulierende Hormone freizusetzen.

Haben die Hormone ihre Nachricht am Zielort übermittelt, werden sie hauptsächlich in der Leber abgebaut.

Funktion des Hypothalamus

Damit die Hormonfabrik und das Kommunikationssystem funktionieren, hat der Körper eine Art Steuerzentrale: den Hypothalamus. Er ist ein Teil des Zwischenhirns und verbindet das endokrine mit dem Nervensystem. Der Hypothalamus reguliert viele Vorgänge im Körper. «Dafür arbeitet er vor allem mit der Hirnanhangdrüse, der Hypophyse, zusammen. Sie ist die wichtigste endokrine Drüse, weil sie Hormone freisetzt, die andere Drüsen reizt, ihrerseits Hormone auszuschütten.»

Der Hypothalamus ist auch daran beteilig, was der Mensch denkt und fühlt, da er eine Komponente des limbischen Systems ist, dem Gefühlszentrum im Gehirn. Er kann beispielsweise das sogenannte Kuschelhormon Oxytocin ausschütten. Es wird zum Beispiel bei einer Umarmung oder Massage freigesetzt. In der Wissenschaft heisst es, das es für Vertrauen und wärmere Beziehungen sorge. Laut Kamber ist dieses Hormon aber vor allem dazu da, um vor der Geburt eines Kindes Wehen auszulösen und den Milchfluss in Gang zu bringen. «Ob Oxytocin aber eine zwischenmenschliche Beziehung stärken kann, weiss ich nicht. In meinen Augen werden solche Erklärungen dem komplexen System Mensch nicht ganz gerecht.»

Endokrinologie

Das medizinische Fachgebiet für Hormonspezialisten heisst Endokrinologie. Im Mittelpunkt stehen die endokrinen Drüsen mit ihren Produkten, den Hormonen. Die Endokrinologie ist ein Teilgebiet der Inneren Medizin und arbeitet eng mit anderen medizinischen Bereichen wie Gynäkologie, Urologie oder Diabetologie zusammen. Der Begriff Endokrinologie stammt aus den Griechischen Wörtern «endon» (innen) und «krinein» (entscheiden, absondern). Das Wort Hormone, griechisch «hormao», bedeutet: «Ich treibe oder rege an».

Autorin und Redaktion: Vanessa Naef
Wissenschaftliche Kontrolle: Dr. phil. nat. Anita Finger Weber
Quellen
  • Niklaus Kamber, Leiter der Endokrinologie und Diabetologie des Kantonspitals Graubünden

  • Buch «Meine Hormone – Bin ich ferngesteuert?» von Dr. med. Johannes Wimmer, Gräfe und Unzer Verlag GmbH, München, 2018

  • Buch «Der Mensch» von Richard Walker, Dorling Kindersley Verlag GmbH, Starnberg, 2006

  • wissenschaft.de

  • minimed.at

  • planet-wissen.de

  • focus.de

  • zeit.de