Das ganze Jahr Heuschnupfen

Es gibt praktisch keine pollenfreie Zeit mehr, sagt der Allergieexperte und Geschäftsführer vom aha! Allergiezentrum Schweiz Georg Schäppi. Schuld sind die milden Winter und Luftschadstoffe.

– Es kann jeden treffen. Jederzeit. Pollen kennen kein Pardon und keine Altersgrenze. Sie reizen das Immunsystem von Kindern genauso wie das von alten Menschen. Mittlerweile leidet jeder Fünfte in der Schweiz an Heuschnupfen – und es werden immer mehr.

365 Tage im Jahr allergisch

Mögliche Erklärungen für die stetige Zunahme von Pollenallergien haben Georg Schäppi, Geschäftsleiter vom aha! Allergiezentrum Schweiz, und Dr. med. Markus Gassner, Facharzt für innere Medizin, speziell Allergologie und klinische Immunologie. Schäppi: «Fest steht, dass der Klimawandel und Schadstoffe in der Umwelt mitverantwortlich sind.» Auch wegen der globalen Erwärmung verlängert sich die Blütesaison und die Pollen fliegen länger.

Gassner ergänzt: «Besonders Bäume und Sträucher blühen durchschnittlich früher als Ende des letzten Jahrhunderts.» So fliegen Haselnuss-, Erlen- und Birkenpollen schon im Januar; Spätblüher wie Beifuss sorgen bis im Herbst für Beschwerden. Das hat laut Schäppi dramatische Auswirkungen auf die Betroffenen. «Es gibt praktisch keine pollenfreie Zeit mehr, in der sich Heuschnupfengeplagte erholen können. Zudem werden die Pollen mit jedem Jahr mehr und mehr.»

Immer mehr exotische Pflanzen

Schuld an den Pollenmassen ist laut Schäppi auch das Kohlendioxid (CO2): «Das Treibhausgas ist für Pflanzen wie Dünger. Jedes Kraut braucht Kohlendioxid, um mittels Fotosynthese Pflanzenmaterial herzustellen.» Durch das viele CO2 wachsen Pflanzen schneller, Bäume und Sträucher werden grösser und produzieren mehr Blüten und somit auch mehr Pollen. «Durch den Anstieg an Allergenen in der Luft leiden Betroffene automatisch mehr, und bei den gesunden Menschen steigt das Risiko, an Heuschnupfen zu erkranken», sagt Schäppi.

Zudem siedeln sich in der Schweiz wegen des milderen Klimas immer mehr Pflanzen aus wärmeren Regionen der Welt an, während etliche heimische aussterben. Ein grosses Problem ist die aus Nordamerika stammende Ambrosia. Ihre Pollen sind hoch allergen. Zehn Pollen pro Kubikmeter Luft reichen, um Heuschnupfen oder sogar allergisches Asthma auszulösen.

Asthma kann eine Folgeerkrankung eines Heuschnupfens sein. Weltweit schätzen Experten mehr als zehn Prozent der Bevölkerung als sensibel für Asthma ein, welches die Ambrosia verursachen kann. In der Schweiz hat dieser Korbblütler in fast allen Gebieten Wurzeln geschlagen. «Dank Entsorgungskampagnen haben wir den Störenfried auf öffentlichem Grund im Griff», sagt Schäppi. In privaten Gärten aber, in denen Ambrosia heute hauptsächlich vorkommt, baut sie einen enormen Samenvorrat im Boden auf und vermehrt sich rasch. «Dort können wir schlecht Einfluss nehmen», sagt der Experte. Da sich die Vegetation auch in Zukunft weiter verändert, ist es durchaus möglich, dass weitere Allergie auslösende Pflanzen sich in der Schweiz ansiedeln.

Mitten im Partikelbeschuss

Luftschadstoffe wie die Reizgase Stickstoffoxid und Ozon beeinflussen die Entwicklung von Pollenallergien stark. Stickstoffoxide entstehen bei Verbrennungsprozessen. Ihre Hauptquellen sind Verbrennungsmotoren und Feuerungsanlagen für Kohle, Öl, Gas, Holz und Abfälle. Fachmann Schäppi: «Stickstoffoxide greifen die Schleimhäute der Atmungsorgane an, reizen die Bronchien und begünstigen Atemwegserkrankungen.» Auch Ozon hat einen negativen Einfluss auf die Atemwege. Es reizt die Schleimhäute, macht das Gewebe durchlässiger für Allergene und kann bis in die empfindlichen Lungenbläschen vordringen. Aber auch den Pflanzen setzt Ozon heftig zu. Es schädigt ihre Oberfläche, wodurch die Pflanze Eiweisse produziert, um ihre Wunden zu heilen. Diese Proteine gehen dann in die Pollen über und machen sie für den Menschen aggressiver.

Feinstaub-verdreckte Pollen

Ebenso rabiat werden Pollen, wenn sie mit Feinstaubpartikeln belastet sind. Schäppi: «Heuschnupfenbetroffene erleben stärkere Symptome, wenn sie die verdreckten Pollen einatmen.» Die mikroskopisch kleinen Teilchen, Milliarden Partikel in jedem Kubikmeter Luft, zerstören die Oberflächen der Pollen. Diese können dann ihre Allergene schon in der Luft freisetzen. Werden die Pollen samt Feinstaubpartikeln eingeatmet, dringen diese bis tief in die Atemwege vor und aktivieren bestimmte Immunzellen des Menschen stärker. Schäppi erklärt: «Experten haben herausgefunden, dass vor allem die mittelgrossen Feinstaubpartikel bis in die Lunge und in die Lungenbläschen gelangen können. Die kleinsten werden sofort wieder ausgeatmet, die grösseren kommen nicht weiter als in den Mund- und Rachenraum.» Menschen, die in Städten leben, sind mehr von den Folgen des Feinstaubs betroffen als die, die auf dem Land leben. Eine Schweizer Studie zeigt: Bei Kindern, die an stark befahrenen Strassen aufwachsen, tritt Asthma um 14 Prozent häufiger auf als bei Kindern, die in ruhigeren Wohngebieten leben.

Zu viel Hygiene, zu wenig Herausforderungen

Im Verdacht haben Forscher auch den modernen Lebensstil als Auslöser von Allergien: Übermässige Hygiene, viele verarbeitete Nahrungsmittel, weniger Kontakt mit Tier und Natur. Das sind genau die Faktoren, die sich in den Industriestaaten zwischen den 1960er- und 1990er-Jahren deutlich verändert haben. Allergieexperte Schäppi: «Unserer Körperabwehr fehlt die Herausforderung. Da sie das Parasitenbekämpfungstraining aber braucht, stürzt sie sich auf die falschen Gegner.» Dr. Markus Gassner: «Dies erklärt nur die Gegebenheiten bei uns, nicht aber in den Entwicklungsländern. Auch dort zeigen immer mehr Menschen allergische Symptome, zum Beispiel auf Milben.»

Georg Schäppi warnt: «Wir gehen davon aus, dass die Zahl der Allergiker in den nächsten Jahren weiter ansteigt. 2050 könnte bereits jede zweite Person von Allergien betroffen sein.»

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Autorin: Vanessa Naef
Redaktion: Bettina Epper
Quelle
  • «Drogistenstern»