Fit nur mit dem eigenen Körper

Funktionelles Fitnesstraining liegt im Trend. Es kräftigt den ganzen Körper und lässt sich überall ausführen. Trainingsexperte Sandro Galli zeigt die besten Übungen für Anfänger und Fortgeschrittene.

Das funktionelle Training erobert derzeit die Fitnesswelt. Im Wochentakt erscheinen neue Bücher zum Thema. Als Trainingsgerät reicht der eigene Körper. Daneben gibt es aber auch Hilfsmittel wie kurze Hanteln, elastische Bänder, Gymnastikbälle, Wackelbretter und andere Dinge, mit denen sich funktionell trainieren lässt.

Die Übungen sind natürlichen Bewegungen aus dem Alltag nachempfunden: In die Knie gehen, Treppen steigen, Lasten heben und viele mehr. Sandro Galli, Sportwissenschaftler, Trainingsexperte und Sporttherapeut aus Baden (AG), erläutert die Vorteile: «Im Gegensatz zu vielen Übungen an der Maschine fördern jene mit Körpereigengewicht das Zusammenspiel mehrerer Muskelgruppen, also ganze Bewegungsabläufe.» Das verbessert nicht nur Kraft, sondern auch Gleichgewicht und Koordination. Wo sonst Kraftmaschinen die Bewegung führen, muss sich der Körper bei freien Übungen selber stabilisieren. «Die Muskulatur an Bauch und Rücken muss stets mitarbeiten, um den Oberkörper zu stützen», sagt Galli. Um Muskeln wachsen zu lassen, braucht es keine zusätzlichen Gewichte, alle Übungen lassen sich in verschiedenen Varianten ausführen. Mal einfacher für Anfänger, mal schwerer für Fortgeschrittene. Der Untrainierte beginnt zum Beispiel damit, Liegestütze an die Wand gelehnt auszuführen. So ergeben sich fast unendlich viele Bewegungen, die sich immer anders kombinieren lassen.

Trainingstipps von Sandro Galli

So üben Sie richtig

  • Krafttraining kann das Herz-Kreislauf-System vermehrt belasten. Fragen Sie im Zweifelsfall Ihren Arzt, bevor Sie mit dem Training beginnen. Lassen Sie jedoch nicht das Training generell sein, nur weil Sie unsicher sind. Erstens gibt es genügend Fachpersonen, die Sie unterstützen können und zweitens bringen Sie nur wenige Dinge schneller in die Unselbständigkeit, wie ein unnötig rascher körperlicher Abbau. Denn für die Muskeln gilt: Ungenutzt verkümmern sie.

  • Trainieren Sie wenn immer möglich barfuss. So fordern Sie auch die kleinen Fussmuskeln. Diese sind wichtig für ein gutes Gleichgewicht. Üben Sie aber nur dann ohne Schuhe, wenn Sie keine Gewichte benutzen.

  • Empfohlen sind 2-3 Trainingseinheiten pro Woche, mit jeweils 48 Stunden Pause dazwischen. Der Widerstand bei der einzelnen Übung soll so hoch gewählt sein, dass zwar 8-12 sauber ausgeführte Wiederholungen möglich sind, jedoch nur ein paar wenige Wiederholungen darüber hinaus. Für Personen im mittleren oder höheren Alter gilt das gleiche Prinzip mit 10-15 Wiederholungen. Mit diesen Wiederholungszahlen werden 2-4 Sätze gemacht mit jeweils 2-3 Minuten Pause dazwischen.

  • Wenn Sie die Übungen für die grossen Muskelgruppen an Bauch, Beinen, Schultern, Rücken und Brust nacheinander ausführen, können Sie die Pausen verkürzen oder ganz weglassen. Machen Sie pro Übung 8-12, bzw. 10-15 Wiederholungen und wechseln Sie dann zur nächsten. Sind alle oben gezeigten Übungen gemacht, beginnt man wieder von vorne. Ziel sind 2-4 Durchgänge. So schaffen Sie in rund 30 Minuten ein effizientes Training für den ganzen Körper.

  • Wichtig für den Muskelaufbau ist, dass Sie die maximale Muskelanspannung so lange wie möglich halten. Die Dauer im ungemütlichen Teil sollte pro Muskelgruppe in etwa 1,5-2 Minuten betragen. Empfohlen für einen effizienten Aufbau sind Trainingseinheiten mit jeweils 1 Tag Pause dazwischen. Achten Sie auch auf eine genügende Eiweisszufuhr (15-20g) alle 3-4 Stunden, sowohl an Trainings- wie auch trainingsfreien Tagen. Dies natürlich in Ergänzung zu einer ausgewogenen Ernährungsweise.

  • Schwappen Sie am Anfang nicht gleich über vor Ehrgeiz und setzen Sie sich kleine, realistische Ziele und beginnen beispielsweise mit 2 Einheiten à 15 Minuten pro Woche. Falls Sie dies über 3 Wochen schaffen, steigern Sie langsam.

Messstationen senden Signale

Freie Übungen fördern zudem die Körperwahrnehmung. Ingo Froböse, Sportwissenschaftler an der Deutschen Sporthochschule Köln, erklärt: «Sie sagt uns, wie wir uns bewegen, ob wir den Rücken gerade halten oder die Schultern hängen lassen.» Dafür hat es in Muskeln, Sehnen, Gelenken und der Haut spezielle Nerven, in der Fachsprache heissen sie Tiefensensoren oder Propriorezeptoren. Diese winzigen Messstationen leiten laufend Informationen ans Gehirn weiter: Über die Stellung unserer Gelenke, ob die Muskeln angespannt oder gedehnt sind. Das Hirn wiederum schickt entsprechende Signale zurück, wie eine Bewegung genau ausgeführt werden soll. Zusammen mit dem Gleichgewichts- und dem Tastsinn erlerne der Körper Bewegungen immer besser, so Froböse. «Wenn ein Kind radfahren lernt, muss es auch tüchtig üben, um ins Gleichgewicht zu kommen.» Erst mit der Zeit entwickle sich das Gefühl, das man unter dem Begriff «Körperbeherrschung» verstehe.

Für die Übungen mit dem eigenen Körpergewicht braucht es laut Trainingsexperte Sandro Galli eine gute Körperwahrnehmung, um als Beispiel, nicht «passiv in den Bändern und Sehnen zu hängen». Dies könne die Gelenke überlasten. Deshalb sei es wichtig, von Anfang an korrekt zu trainieren. Dazu gehört auch die richtige Atmung: Ausatmen während der anstrengenden, einatmen in der entspannenden Phase. Wichtig sei, nicht die Luft anzuhalten und dabei zu pressen. Denn das treibt den Blutdruck in Höhen, «die für Menschen mit Herzproblemen gefährlich werden könnte», sagt Sandro Galli. Wer lange keinen oder nie Sport getrieben hat, dem rät er, sich vom Arzt untersuchen lassen, bevor er ins Training einsteigt. Dies, um allfällige Herzprobleme auszuschliessen.

Freiübungen auf dem Vita Parcours

Training mit dem eigenen Körpergewicht kann man überall und jederzeit machen. Zum Beispiel auf einer der schweizweit rund 500 Zurich Vita-Parcours-Strecken. Auf Laufstrecken von durchschnittlich rund zwei Kilometern Länge finden Sportler zahlreiche Informationstafeln mit Anleitungen für mehr als 40 Übungen mit dem eigenen Körpergewicht. Fritz Bebie aus Erlenbach (ZH) hat an dem ursprünglichen Konzept mitgearbeitet. Der ehemalige Handball-Spitzensportler ist einer der ersten Personal Trainer in der Schweiz. Bis heute ist er überzeugt davon, dass Übungen mit dem eigenen Körper, ausgeführt «im Fitnesscenter Natur», das Beste sind für Körper und Geist. «Wenn Sie alle Übungen gemacht haben, dann ist der ganze Körper trainiert», sagt er. Anfängern rät er, darauf zu achten, sich nicht zu überfordern: «Gehen Sie auf den Laufstrecken zwischen den Übungsstationen, statt zu rennen.» Ein weiterer Vorteil: «Sie können die Übungen problemlos ohne Trainer lernen, die Anleitungen sind für alle gut verständlich», sagt Bebie.

Unter den Argusaugen von Fitnessexperte Sandro Galli trainieren Freizeitsportlerinnen die korrekte Kniebeuge.

Buchtipps

Fürs Training mit dem eigenen Körpergewicht benötigen Sie nicht unbedingt einen Personal Trainer. Es gibt viele gute Bücher zum Thema. Einige Beispiele:

Prof. Dr. Ingo Froböse: «Das Muskel-Workout», GU Verlag 2014, ISBN 978-3-8338-3809-5. Hier finden Sie über 100 Übungen abgebildet und verständlich beschrieben. Dazu gibt es viele nützliche Informationen rund um Training, Muskeln und Ernährung.

Paul «Coach» Wade: «Trainieren wie im Knast», riva Verlag 2015, ISBN 978-3-86883-563-2. Der ehemalige Sträfling hat während 20 Jahren in Gefangenschaft seinen Körper mit sechs Übungen in Topform gebracht: Liegestütz, Kniebeuge, Klimmzug, Beinheben, Brücke und Handstand. Der Autor führt den Leser schrittweise hin zur perfekten Ausführung.

Mark Lauren: «Fit ohne Geräte», Riva Verlag 2011, ISBN 978-3-86883-428-4. Der ehemalige Ausbildner amerikanischer Elitesoldaten beschreibt zahlreiche Übungen sowohl für Anfänger als auch Fortgeschrittene. Dem Buch liegt eine DVD bei.

Autorin und Redaktion: Brigitte Jeckelmann