Wenn die Hormone kippen

Haarausfall, Hitzewallungen, Libidoverlust: Der Wechsel in die zweite Lebenshälfte macht nicht nur Frauen zu schaffen. Was im Körper passiert – und was wirklich hilft.

Michelle Obama hat darüber gesprochen, Angelina Jolie und Salma Hayek ebenfalls: die Wechseljahre. Was lange als Tabu galt, wird heute offener thematisiert. «Frauen trauen sich heute eher, über das Thema zu sprechen», bestätigt Susanna Weidlinger, Oberärztin am Menopausenzentrum des Inselspitals Bern – dem Stand 2026 einzigen international anerkannten und zertifizierten Menopausenzentrum der Schweiz. Die Nachfrage ist gross: Für eine Erstkonsultation kann die Wartezeit bis zu neun Monate betragen.

Zwei Drittel aller Frauen sind betroffen

Laut Weidlinger leiden zwei Drittel aller Frauen unter den Wechseljahren, die Hälfte davon schwer. «Das bedeutet, dass ihre Lebensqualität massiv eingeschränkt ist.» Die Symptome sind vielfältig: Muskel- und Gelenkschmerzen, Schweissausbrüche, Schlafstörungen, depressive Verstimmungen, Reizbarkeit, Ängstlichkeit – und häufig auch «brain fog», also Konzentrationsschwierigkeiten. Durchschnittlich leiden betroffene Frauen mehr als sieben Jahre unter diesen Beschwerden.

Der Grund: Ab Mitte 40 sinkt bei den meisten Frauen die Konzentration der Östrogene sowie anderer Hormone wie Progesteron.

Hormonersatztherapie: Nutzen vs. Risiko

Eine Hormonersatztherapie (HET) mit sogenannten human-identischen Hormonen kann helfen. Diese sind chemisch identisch mit den körpereigenen Hormonen und werden beispielsweise aus Yamswurzel (Progesteron) und Soja (Östrogen) gewonnen. Weidlinger ermutigt betroffene Frauen zur Therapie: Neben der Linderung der Beschwerden sinke damit auch das Risiko für Diabetes und Osteoporose.

Und doch haben viele Frauen Angst. Der Grund liegt in einer Studie aus den 1990er-Jahren (Women's Health Initiative), die erhöhte Risiken für Thrombosen, Schlaganfälle und Brustkrebs nahelegte. In der Folge setzten Hunderttausende Frauen ihre Hormonpräparate ab. Später räumten die Studienautoren eine «Fehlinterpretation» der Daten ein: Das Durchschnittsalter der Probandinnen hatte 63 Jahre betragen – ein Alter, in dem die genannten Krankheitsrisiken ohnehin erhöht sind.

Heute machen laut Weidlinger weniger als zehn Prozent der Frauen eine Hormontherapie. Dabei sei die Risikoabwägung klar: «Der Nutzen überwiegt bei Weitem die allfälligen Risiken.» Sie illustriert es konkret: «Durchschnittlich erkrankt jede achte Frau irgendwann im Laufe ihres Lebens an Brustkrebs – somit 125 von 1000 Frauen. Mit einer Hormonbehandlung über zehn Jahre steigt dieser Durchschnittswert auf etwa 135 von 1000 Frauen.» Das entspreche dem Risiko von ein bis zwei Gläsern Wein pro Tag. Ihr Appell: «Ihr habt nur ein Leben, geniesst es.» Nach der letzten Regelblutung leben Frauen durchschnittlich noch mehr als 30 Jahre.

Pflanzliche Alternativen: Eine Option mit Grenzen

Für Frauen, die keine Hormontherapie möchten, gibt es Alternativen aus der Drogerie. «Wer Angst vor den minimalen Risiken hat, soll darauf zurückgreifen», so Weidlinger. Bewährt haben sich unter anderem:

  • Sojapräparate

  • Traubensilberkerze und Mönchspfeffer (standardisierte Extrakte)

  • Frauenmantel, Schafgarbe, Salbei, Hopfen, Rotklee

  • Weissdorn bei Herzrasen

Unabhängig von der gewählten Therapie gilt: «Wichtig ist der Dreiklang von gesunder Ernährung, genügend Bewegung und genügend Schlaf.»

Auch Männer sind betroffen – nur anders

Eine echte «Andropause» analog zur Menopause gibt es medizinisch gesehen nicht, erklärt Stefan Fischli, Chefarzt für Endokrinologie am Luzerner Kantonsspital. Zwar können Testosteronspiegel im Alter sinken, doch bei gesunden Männern kommt es in der Regel nicht zu einem deutlichen Rückgang. «Aber natürlich gibt es Veränderungen.»

Typische Beschwerden, mit denen Männer in seiner Sprechstunde erscheinen: Libidoverlust, Erektionsprobleme, Energielosigkeit, Müdigkeit, Depressionen und Rückgang der Muskelmasse. Doch Fischli mahnt zur Vorsicht: «Bevor wir eine Behandlung beginnen, müssen wir uns die Ursachen genau anschauen.» Häufig seien die Beschwerden Folgen von Grunderkrankungen wie Diabetes oder eines ungesunden Lebensstils. Schon eine Gewichtsabnahme könne Testosteronwerte verbessern und Symptome lindern.

Ein bekannter Merksatz aus der Medizin: «Der Penis ist die Antenne des Herzens» – hinter Erektionsstörungen stecken oft Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Testosteron ist kein Jungbrunnen

Wo ein echter Mangel vorliegt – etwa durch angeborene Störungen, Krebs oder eine Mumpserkrankung – kann Testosteron ersetzt werden, zum Beispiel per Depotspritze oder Gel. Skeptisch ist Fischli gegenüber den in den USA boomenden «T-Kliniken», die Testosteron als Lifestyle-Medikament vermarkten: «Für mich bewegen sich solche Kliniken in einer Grauzone.»

Auch bei Männern gibt es pflanzliche Optionen, etwa bei Prostatabeschwerden: Weidenröschen, Brennnessel, Goldrute, Sägepalme oder Weidenrinde.

Fischlis wichtigstes Anliegen: Enttabuisierung. «Es gibt Veränderungen. Und es ist sinnvoll, dass sich Männer durch diese Zeit begleiten lassen.» Hausärztinnen und Hausärzte seien dabei oft die erste und entscheidende Anlaufstelle. «Wichtig bei diesen Themen ist es, den Patienten an Bord zu holen und auch an Bord zu behalten.»

Was machen Hormone eigentlich?

Hormone sind Botenstoffe, die im Körper Informationen übermitteln und Reaktionen auslösen. Die Geschlechtshormone Östrogen und Testosteron werden in den Eierstöcken bzw. den Hoden produziert.

«Östrogen» ist ein Sammelbegriff für mehr als 30 verschiedene Hormone – die wichtigsten sind Estradiol, Estron und Estriol. Östrogene steuern die weibliche Entwicklung, schützen Haut und Schleimhäute vor Trockenheit, fördern die Knochengesundheit und Gedächtnisleistung und wirken positiv auf Blutdruck, Fettstoffwechsel und Gefässgesundheit.

Testosteron ist beim Mann nicht nur für die Libido wichtig, sondern auch für Knochen- und Muskelwachstum, Talgproduktion und Gehirnfunktionen wie Leistungsfähigkeit und Motivation.

Übrigens: Auch Frauen tragen Testosteron in sich – und Männer Östrogene.

Autorin: Sabine Reber

Redaktion: Lisa heyl
Quellen
  • Susanna Weidlinger ist Gynäkologin und spezialisiert auf gynäkologische Endokrinologie. Seit 2017 ist sie Oberärztin am Menopausenzentrum des Inselspitals Bern.

    • Stefan Fischli ist seit 2022 Chefarzt Endokrinologie/Diabetologie am Luzerner Kantonsspital.