Sehen will gelernt sein

Kinder, die Mühe haben mit Lesen, haben nicht zwangsläufig eine Lernschwäche oder Legasthenie. Möglicherweise sind Defizite im visuellen System die Ursache oder eine Mitursache.

Schwierigkeiten mit dem visuellen System können selbst Kinder haben, bei denen die augenärztliche oder schulärztliche Kontrolle belegt, dass mit den Augen medizinisch alles in Ordnung ist. Anzeichen für Schwierigkeiten in diesem Bereich können unter anderem sein, wenn Kinder im Vorschulalter häufig stolpern, Mühe mit Ausmalen und Ausschneiden haben. Bei Kindern im Schulalter sind dann folgende Auffälligkeiten zu beobachten:

  • Buchstaben beim Lesen unscharf wahrnehmen

  • Zeilen überspringen oder zweimal dieselbe Zeile lesen

  • Buchstaben verwechseln, insbesondere b/d, p/q, a/e

  • Buchstaben/Silben weglassen oder dazuerfinden

  • Schlechte oder fehlende Sinnerkennung beim Lesen

  • Kurze Konzentrationsspanne

  • Drang zu intensiver Bewegung («Zappelphilipp»)

Visuelles System, was ist das?

Das visuelle System gliedert sich in drei Fähigkeiten: Sehschärfe, Blicksteuerung und visuelle Wahrnehmung. Ist die Sehschärfe das Problem (siehe Bildstrecke), so hilft eine Brille oder Linsen weiter, und da ist der klassische Augenoptiker am Zuge.

Liegt der Grund für die Schwierigkeiten beim Lesen in der Blicksteuerung (siehe Bildstrecke), so sind beispielsweise die Augen nicht in der Lage, gut im Team zu arbeiten. Dies kann der Fall sein, «wenn sich die Augen beim Lesen in der Nähe nicht korrekt nach innen richten. Dadurch erhält das Hirn vom rechten und linken Auge unterschiedliche Informationen», sagt Raymond E. Wälti, Augenoptiker und Visualtrainer aus Thun (BE). Es kommt zu kleinsten Abweichungen im koordinierten Sehen, mit dramatischen Folgen. Kinder mit dieser Disposition sehen Textteile zeitweise doppelt, ohne dass sie im klassischen Sinn schielen würden. Man spricht von «verstecktem Schielen».

Dann wiederum gibt es Kinder, deren Augen beim Lesen ungenaue Sprünge (siehe Bildstrecke) machen, was dazu führt, dass die Wörter optisch auseinandergezerrt und/oder falsch zusammengesetzt werden. Diese Kinder überspringen ganze Zeilen und lassen oft bei Wörtern die Endungen weg: «hat» und «hatte» ist ein und dasselbe.

Sehen will gelernt sein

«Die Blicksteuerung ist keine muskuläre Angelegenheit, sondern eine Sache des Gehirns, das als Impulsgeber für ein effizientes Bewegen der Augen zuständig ist», sagt Wälti. Die Fähigkeit, optimal zu sehen, ist nicht angeboren, sie entwickelt sich erst im Laufe der ersten Lebensjahre. Ein Säugling, der eine vorbeigehende Katze beobachten will, rollt mit seinem ganzen Körper mit. Ein Baby hat noch nicht gelernt, dass es die Augen unabhängig vom Körper bewegen kann. Mit der Zeit dreht ein Kleinkind dann nur noch den Oberkörper, später nur noch den Kopf und erst ganz am Schluss nur noch die Augen. Es braucht sechs bis sieben Jahre, bis Kinder Dinge, die in ihrem Blickfeld sind, nur noch über die Augenbewegung verfolgen.

So wichtig sind gut funktionierende, bewegliche Augen

An der Pyramidenbasis ergänzen sich die Fähigkeiten Sehschärfe und Blicksteuerung, als Dritte im Bunde gesellt sich die visuelle Wahrnehmung dazu. Dabei geht es darum, wie das Gehirn mit Formen und Figuren umgehen kann, wenn kein anderer Sinn wie Tasten oder Hören beteiligt ist. Auf diesen drei Fähigkeiten baut die Möglichkeit des Lesenlernens auf. Ist die Basis stabil und gefestigt, kommt die letzte Stufe: Die Pyramidenspitze steht fürs Lernen durch Lesen. Wenn ein Teil im System wackelt, dann steht die ganze Pyramide auf unsicherem Fundament. Das sind dann beispielsweise Kinder, die gut in Mathematik sind, aber bei «Sätzlirechnungen» nicht mehr mitkommen, «bloss», weil das Lesen Mühe macht. (Foto: © Raymond E. Wälti)

Wer braucht ein Visualtraining?

Damit Defizite im visuellen System erfasst werden können, braucht es mehr als nur einen Sehtest. Denn nebst einer hundertprozentigen Sehschärfe sind eine Vielzahl von funktionellen Fähigkeiten des Sehens nötig, damit die Voraussetzungen zum guten Lesen gegeben sind. Ein Eignungstest im Fachgeschäft bietet die Möglichkeit, den gesamten Sehsinn zu testen.

Visualtrainer Wälti steht zur Beurteilung des visuellen Systems unter anderem ein sogenannter Visagraf zur Verfügung. Mit dieser Spezialbrille mit Infrarotsensoren ist es möglich, Augenbewegungen während des Lesens eines Textes zu erfassen, auszuwerten und im Verlauf des Trainings auch die Erfolge zu dokumentieren. «Wenn ich 100 Menschen teste, dann ergeben sich bei 99 Abweichungen von den Normwerten», so Wälti, «das heisst aber nicht, dass alle ein Visualtraining nötig haben.» Er ist der Meinung, «dass die Leseschwäche im Alltag ein Handicap oder Stressfaktor darstellen muss, damit ein Visualtraining angezeigt ist».

Ein Beispiel: Ein Normalleser liest beispielsweise rund 250 Wörter pro Minute, eine Schnellleser 350 Wörter. Wer 120 Wörter pro Minute liest, kommt je nach Lebenssituation auch damit gut klar, wer aber viel lesen muss, kann sein visuelles System durch Training – wie Studien belegen - auf jeden Fall verbessern.

Dauer und Kosten

Die Dauer des Trainings (sechs bis zwölf Monate) richtet sich nach dem Bedarf des Kindes oder der erwachsenen Person. Nebst regelmässigen Inputs mit wechselnden Übungen und Lernsoftware durch den Visualtrainer, ist regelmässiges Üben (fünf Mal pro Woche für je 15 Minuten) angezeigt. Pro Trainingseinheit ist mit Kosten von rund 180 Franken zu rechnen. Einige Krankenkassen bezahlen Beiträge ans Visualtraining – nachfragen lohnt sich .

Foto: S. Hofschlaeger/pixelio.de
Autorin und Redaktion: Katharina Rederer
Quellen