Illegale Medikamente

Lebensgefährliche Schnäppchen

Wer Medikamente bei ausländischen Online-Anbietern bestellt, kann böse Überraschungen erleben.

Herz-Kreislauf-Probleme statt Erektion. Vergiftung statt Muskeln. Schmerzen, die trotz Pille nicht verschwinden – Medikamente aus Online-Einkäufen im Ausland können wirkungslos bis tödlich sein. Doch der Handel mit illegalen Medikamenten boomt (siehe Kasten).

20'000 illegale Sendungen jährlich

Die Eidgenössische Zollverwaltung hat 2017 über 1000 Sendungen mit unzulässig importierten Medikamenten beschlagnahmt. Das waren mehr als in den Vorjahren. Laut Swissmedic gelangen jedes Jahr schätzungsweise 20'000 illegale Sendungen in die Schweiz. Auch weltweit nimmt der Handel mit minderwertigen oder gefälschten Heilmitteln zu. Interpol schätzt den weltweiten jährlichen Umsatz damit auf 431 Milliarden Dollar.

Fälschungen oft aus Asien

Die meisten illegalen Lieferungen in die Schweiz stammen aus Indien, Singapur und Deutschland. Bestellt werden vor allem Potenzmittel, rezeptpflichtige Medikamente wie Antibiotika und starke Schmerz-, Schlaf- und Diätmittel. Das Gefährliche daran, sagt Ruth Mosimann, Leiterin Kontrolle illegale Arzneimittel beim Heilmittelinstitut Swissmedic: «In solchen Präparaten können zu viele, zu wenig, die falschen oder gar keine Wirkstoffe enthalten sein. Die Präparate können auch mit Schwermetallen oder Pestiziden verunreinigt sein oder enthalten zusätzliche Stoffe, die nicht deklariert sind. Es kommt auch vor, dass Medikamente aus dem Ausland bei ungünstigen Bedingungen gelagert und transportiert werden, was die Arzneimittelwirkung negativ beeinflussen kann.»

Mosimann erwähnt als Beispiel einen beliebten Schlankmacher aus Asien. «Er wird als natürliches Mittel angepriesen, enthalten ist aber der chemische Appetithemmer Sibutramin.» Der Stoff ist in der Schweiz wegen Nebenwirkungen wie Herz-Kreislauf-Problemen und psychischen Störungen verboten. Ein anderes Beispiel ist ein teures Nahrungsergänzungsmittel aus Deutschland, das gegen Arthrose helfen soll. «Es wirkt gar nicht, wird aber in der Schweiz als pflanzliches Wundermittel verkauft.»

Nur Fachhandel ist sicher

Mosimann warnt vor illegalen Arzneimitteln und Bestellungen aus dem Ausland: «Sie können die Gesundheit massiv gefährden.» In der Schweiz sei sogar einmal ein junger Mann gestorben, weil er sich Testosteron aus dem Internet bestellt und es unsachgemäss eingenommen habe. «Bei Gesundheitsfragen oder Interesse an Medikamenten sollte man sich an ausgebildete Fachpersonen wie aus einer Apotheke oder Drogerie wenden und sich beraten lassen.» Sicher sind nur Medikamente aus offiziellen Schweizer Quellen wie Apotheken, Drogerien und Arztpraxen. Mosimann: «Bis heute sind dort noch keine Fälschungen aufgetaucht.»

Erfahren Sie hier, wie der Versandhandel in der Schweiz funktioniert.

Zahlen und Fakten

  • Die Hälfte der im Internet angebotenen Medikamente sind gefälscht.

  • Beim Handel mit gestohlenen oder gefälschten Medikamenten erwirtschaften Betrüger eine höhere Marge als mit dem Handel von Drogen.

  • Jedes Jahr sterben etwa eine Million Menschen aufgrund von gefälschten Medikamenten.

Finanzielle Risiken und Strafverfahren

Wer Medikamente bei ausländischen Anbietern bestellt, geht nicht nur gesundheitliche Risiken ein:

  • Die Krankenkasse übernimmt die Kosten nicht.

  • Die Lieferung kann trotz Bezahlung ausbleiben.

  • Kreditkartenangaben können missbraucht werden.

Wer illegale Medikamente in die Schweiz importiert und dabei erwischt wird, muss Verwaltungsverfahrenskosten von mindestens 300 Franken bezahlen. Bei illegalem Handel mit Arzneimitteln kommt es zu einem Strafverfahren.

Autorin und Redaktion: Vanessa Naef
Wissenschaftliche Kontrolle: Elisabeth von Grünigen-Huber, Drogistin HF und Leiterin Politik und Branche des Schweizerischen Drogistenverbandes SDV
Quellen
  • Ruth Mosimann, Leiterin Kontrolle illegale Arzneimittel beim Heilmittelinstitut Swissmedic

  • Swissmedic

  • Bundesamt für Gesundheit BAG

  • Interpharma.ch

  • Buch «Darknet – Die Schattenwelt des Internets» von Otto Hostettler, Frankfurter Allgemeine Buch, 2017

  • Weltgesundheitsorganisation WHO

  • Nzz.ch

  • Interpol