Resilienz

«Die meisten Menschen sind resilient»

Warum es manche Menschen gut schaffen, mit traumatischen Erlebnissen umzugehen und andere weniger, warum manche resilienter sind als andere – Prof. Birgit Kleim hat ein paar Antworten.

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Frau Professor Kleim, resiliente Menschen schaffen es gut, nach erschütternden Ereignissen wie beispielsweise dem Tod eines nahestehenden Menschen, einer Gewalttat oder einer lebensbedrohlichen Situation seelisch und körperlich gesund zu bleiben. Woran liegt das?

Ein ganz wichtiger Faktor, der in vielen grösseren Studien immer wieder zutage tritt, sind soziale Netzwerke, sind Beziehungen. Wer ein Netzwerk hat, bekommt Unterstützung von anderen Menschen, auf einer emotionalen oder materiellen Ebene oder auch ganz praktische Alltagshilfe. Daneben sind noch viele andere Faktoren und Prozesse relevant, zum Beispiel die Art und Weise, wie die Person über das Ereignis nachdenkt und wie sie es interpretiert. Auch biologische und genetische Faktoren spielen eine Rolle.

Und warum ist das so wichtig?

Schauen wir uns einmal das Gegenteil an, beispielsweise Personen, die nach einem traumatischen Ereignis eine posttraumatische Belastungsstörung entwickeln. Dies ist neben Angst und Depression eine der häufigsten psychischen Erkrankungen nach einem Trauma. Das Fehlen von sozialer Unterstützung kann beispielsweise solche Erkrankungen begünstigen. Die Person spricht vielleicht nicht über das Trauma, dabei kann dies bei der Verarbeitung helfen, und sie erhält auch kein Feedback und keine Unterstützung durch andere. Es macht sehr viel aus, ob jemand über das Erlebte sprechen kann oder nicht.

Resilienz

Der Begriff Resilienz stammt aus der Physik und bezeichnet die Fähigkeit eines Werkstoffes, nach einer Verformung wieder seine ursprüngliche Form anzunehmen. In der Psychologie steht Resilienz für Widerstandsfähigkeit. Resiliente Menschen entwickeln sich trotz ungünstiger Lebensumstände oder kritischer Lebensereignisse erfolgreich. Resilienz hängt von vielen Faktoren ab wie beispielsweise Selbstwertgefühl, Intelligenz, Optimismus oder soziale Bindungen.

Aber wenn ich immer wieder über ein traumatisches Erlebnis spreche, kommt es doch auch immer wieder hoch. Wäre es nicht besser, ich würde es wegschliessen?

Nein, genau das Gegenteil. Wenn ich Ihnen beispielsweise sage, Sie sollen eine Minute lang nicht an einen pinkfarbenen Hasen denken, was passiert? Obwohl Sie es unterdrücken möchten, denken Sie in der nächsten Minute garantiert an einen pinkfarbenen Hasen. Und genau das erklären wir Menschen, die wir in Traumatherapien behandeln. Viele haben über Jahre versucht, das Erlebte immer wieder zu unterdrücken, und kurzfristig kann das helfen. Aber langfristig führt es dazu, dass man sogar mehr daran denkt. Und hier hilft die Therapie. Natürlich muss man vorsichtig vorgehen.

Wer eine schlimme Situation durchgemacht hat, erinnert sich oft wie in Flashbacks immer wieder daran. Liegt das daran, dass man etwas nicht richtig verarbeitet hat?

Genau. Das Erlebte wird verdrängt, und auf einmal überwältigt es einen. Ich veranschauliche das gerne mit einem Kleiderschrank. Wenn Schlimmes immer wieder hochkommt, ist das, wie wenn Kleider aus einem unaufgeräumten Schrank fallen. Das Ereignis wurde nicht sortiert und eingeordnet, sondern, analog zu den Erinnerungen, einfach in den Schrank gestopft. In der Therapie sortieren wir die Sachen. Wir falten jedes Kleidungsstück zusammen, schauen es noch einmal an und verstauen es dann im Schrank. Und dann kann die Schranktüre geschlossen werden und geht nicht mehr unkontrolliert auf. Das Gleiche machen wir mit den Erinnerungen, wir nehmen sie noch einmal hervor und schauen sie gemeinsam an. Ziel der Therapie ist es, die Erinnerungen in die Lebensgeschichte der Person einzuordnen und sie auch als etwas Abgeschlossenes zu betrachten.

Aber es geht nicht darum, Erinnerungen auszulöschen? Die Kleider bleiben alle im Schrank.

Das ist absolut richtig. Wir gehen davon aus, dass man Erinnerungen in diesem Sinne nicht löschen kann. Wir können die Erinnerungen aber einordnen und an der Interpretation des Traumas arbeiten. Viele Menschen empfinden beispielsweise grosse Schuld oder Scham nach einem Ereignis, diese gilt es, gemeinsam zu bearbeiten.

Prof. Dr. phil. Birgit Kleim

Birgit Kleim ist Leiterin des Psychologisch-psychotherapeutischen Dienstes an der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich und Professorin für experimentelle Psychopathologie und Psychotherapie am Psychologischen Institut der Universität Zürich.

Brauchen resiliente Menschen auch fachliche Hilfe, oder können die alles allein bewältigen?

Das ist eine gute Frage. Es kann sein, dass es ein Teil der resilienten Persönlichkeit ist, dass die sich rasch von selber Hilfe suchen. Aber vielleicht sind die Resilienten auch diejenigen, die Netzwerke haben und sich dort aussprechen können, und das genügt ihnen.

Kann ich herausfinden, ob ich resilient bin, wenn ich noch nie eine Krise erlebt habe?

Es gibt Fragebögen oder Checklisten. Aber ich denke nicht, dass sie verlässlich funktionieren. Wenn ein traumatisches Ereignis passiert, funktioniert vieles anders als normalerweise. Der US-Psychologe George Bonanno, der mit am meisten zum Thema geforscht hat, sagt, Resilienz sei keine Persönlichkeitseigenschaft, sondern sie zeichne sich dadurch aus, dass jemand gut auf schwierige Umstände reagiere. Bonanno arbeitete 2001 an einer Studie mit Studenten, als die Terroranschläge auf das World Trade Center stattfanden. Viele der Studenten waren direkt betroffen und Bonanno hat untersucht, wie sie auf das traumatische Ereignis reagiert haben. Manche hatten grosse Probleme, waren danach chronisch eingeschränkt. Andere erholten sich relativ rasch, manche reagierten erst später darauf. Und dann war da eine Gruppe, die war von Anfang an relativ wenig eingeschränkt und landete recht rasch wieder auf dem Ausgangniveau. Dies war die resiliente Gruppe. Und: Es war die grösste Gruppe.

Die meisten Menschen sind also resilient?

Ja, das zeigt sich in unterschiedlichen Studien, meist sind es zwischen 40 und 60 Prozent.

Unverwundbar ist die resiliente Gruppe aber auch nicht, oder?

Nein. Wir haben Studien mit Rettungssanitätern gemacht und festgestellt, dass sie zwar sehr viele schlimme Erlebnisse gut wegstecken, aber es addiert sich immer weiter auf, und irgendwann kann es passieren, dass jemand nicht mehr damit umgehen kann.

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Meistens erlebt ein Mensch aber glücklicherweise nicht so viele schlimme Sachen.

Ja, aber wir wissen aus Studien, dass jeder mindestens einmal im Leben mit so einem Ereignis konfrontiert ist. Letztlich sind wir alle betroffen.

Wird man mit dem Alter resilienter? Schliesslich hat man da schon vieles erlebt und daraus gelernt.

Es gibt zwei Effekte. Die Erfahrung kann sich positiv auswirken. Man hat daraus gelernt und weiss, was einem früher schon einmal geholfen hat, und kann profitieren. Andererseits ist rein statistisch die Wahrscheinlichkeit, ein traumatisches Ereignis zu erleben, grösser, und irgendwann kann es, wie beim Beispiel mit den Rettungssanitätern, eines zu viel werden.

Welche Rolle spielt die Kindheit?

Es gibt eine spannende Studie aus den 1950er-Jahren der US-Entwicklungspsychologin Emmy Werner. Sie hat in Hawaii einen ganzen Jahrgang von Kindern untersucht, über Jahre. Einige davon wuchsen in schwierigen Familienverhältnissen auf. Manche dieser Kinder hatten später als Erwachsene Probleme, wurden kriminell zum Beispiel. Andere aber entwickelten sich gut, gründeten Familien. Werner fand verschiedene Faktoren, warum das so war. Einer der wichtigsten: Die Kinder, die sich gut entwickelt hatten, hatten eine Bindungsperson ausserhalb der Familie. Einen Lehrer oder Sporttrainer zum Beispiel. Jemand, der ihnen gezeigt hat, dass sie etwas wert sind. Das zeigt wieder, wie wichtig Netzwerke und Beziehungen für Resilienz sind.

Autorin und Redaktion: Bettina Epper
Wissenschaftliche Kontrolle: Dr. phil. nat. Anita Finger Weber
Quellen
  • Drogistenstern

  • Prof. Dr. phil. Birgit Kleim

  • Dr. med. Eva Kalbheim: «Resilienz für Dummies», Wiley-VCH Verlag GmbH, 2016

  • Christina Berndt: «Resilienz. Das Geheimnis der psychischen Widerstandskraft», Deutscher Taschenbuchverlag, 2013

  • M. A. Wirtz (Hrsg.): «Lexikon der Psychologie», Verlag Hogrefe, 2014