Was schmerzt denn da?
Wetterfühligkeit kommt nicht einfach aus heiterem Himmel. Laut Prof. Dr. Hans Richner sind es meist verschiedene Faktoren, die zu Beschwerden wie Gelenk- oder Kopfschmerzen führen können. Folgende Zusammenhänge sind wissenschaftlich erwiesen:
Thermischer Wirkungskomplex und Belastung des Organismus
Der thermische Wirkungskomplex ist das Zusammenwirken von Temperatur, Feuchte, Strahlung und Wind. Alle diese Grössen beeinflussen die Energiebilanz unseres Körpers, also die Energie, die unser Körper aufwenden muss, um seine Solltemperatur zu halten. Im Extremfall kommt der Körper in einen so genannten Hitzestress bzw. Kältestress. Spätestens seit Sommer 2003 ist dieses Phänomen allgemein bekannt; damals gab es europaweit rund 60 000 vorzeitige Todesfälle als Folge eines Hitzestresses – und oft daraus resultierender Austrocknung. Kältestress führt zu Unterkühlung und Erfrierungen. Aber lange bevor der Körper in eine Gefahrenzone kommt, können Reaktionen auftreten: So gibt es Anzeichen dafür, dass Kältebelastungen zu vermehrten Herzinfarkten, Hirnblutungen und rheumatischen Anfällen bzw. Erkrankungen führen. Es gibt zwar Hypothesen und Theorien, wie diese Reaktionen ausgelöst werden. Völlige Klarheit hat man aber eigentlich nur über Ursache und Wirkung verschiedener Faktoren. Dies sind Temperatur, Feuchte, Strahlung, Wind auf der physikalischen und Kleidung, Adaption, Energiebilanz auf der biologischen Seite. Jedermann kennt diese Zusammenhänge intuitiv und nutzt sie aus. Beispiele:
Wenn die Temperatur zu hoch ist, fächeln wir uns Luft zu.
Wenn wir draussen frieren, suchen wir einen Windschatten auf.
In tropischem Klima (40 Grad, 90 Prozent Feuchte) sind wir einem Kollaps nahe, hingegen fühlen wie uns in einer Sauna wohl (90 Grad, 10 Prozent Feuchte).
Für Gelenkschmerzen kann der thermische Wirkungskomplex eine mögliche Ursache sein, muss aber nicht.
Wetterbedingte Pollenausbrüche und allergische Reaktionen
Hier spielt das Wetter natürlich nur eine sekundäre Rolle, indem es die Pollenproduktion beeinflusst; eigentliche Auslöser von Befindlichkeitsstörungen sind die Pollen selbst, welche eine allergische Reaktion hervorrufen. In der Schweiz hat MeteoSchweiz die Überwachung der Pollenkonzentrationen übernommen und macht durch Kombinationen der meteorologischen Situation und der Pollenreife entsprechende Vorhersagen von regionalen Pollenkonzentrationen. Forschung über die Wirkung von Pollen auf Organismen gehört in das Gebiet der Aerobiologie.
Wetterbedingte Bildung von Ozon und Atemwegerkrankungen
Auch hier spielt das Wetter nur die zweite Geige. Damit bodennahes Ozon entstehen kann, müssen Stickoxide (primär aus Verkehrsabgasen) und/oder flüchtige organische Verbindungen (Lösungsmitteldämpfe, Benzindämpfe) vorhanden sein. Ist das Wetter windarm bis windstill und zugleich sonnig, dann kann sich die Konzentration dieser Schadstoffe stark erhöhen. Unter dem Einfluss intensiver Sonnenstrahlung laufen anschliessend sehr komplexe chemische Rektionen ab, welche zur Bildung von Ozon führen. Ozon ist chemisch sehr reaktiv, also ein aggressives, stark oxidierendes Gas, welches insbesondere die Atemwege angreift.
Wetterbedingt intensivierte UV-Strahlung und daraus resultierende Strahlenbelastung der Haut
Paradoxerweise erfüllt aber gerade eine Ozonschicht in rund 20 Kilometern Höhe eine äusserst positive Funktion, indem sie als natürliche Sonnenbrille der Erde energiereiche ultraviolette Sonnenstrahlung absorbiert. Durch verschiedene Luftschadstoffe wurde diese Ozonschicht teilweise zerstört, weshalb sich die Intensität der UV-Strahlung an der Erdoberfläche verstärkt hat. Die Intensität der am Erdboden ankommenden Strahlung wird aber auch durch Luftfeuchte und Bewölkung beeinflusst. Mit einer Wetterprognose kann man somit relativ einfach auch eine Prognose der Strahlungsintensität machen. Sie ist deshalb sehr wichtig geworden, weil diese unerwünschte UV-Strahlung Hautkrebs auslösen kann.
Mitte des letzten Jahrhunderts sind zahlreiche Publikationen erschienen, die durch rein statistische Auswertungen eine kaum zu überschauende Zahl von Zusammenhängen zwischen irgendwelchen Wetterphänomenen oder Wetterlagen (die man in verschiedene Klassen einteilen kann) und medizinischen Reaktionen angeblich nachweisen. Oft widersprechen sich die Resultate. Es gibt kaum Untersuchungen, die durch andere Forscher hätten reproduziert werden können. In allen diesen Fällen sind die durch das Wetter bedingten zusätzlichen Effekte sehr gering, und in vielen Fällen muss davon ausgegangen werden, dass sie zufällig sind. Wissenschaftlich gesicherte Zusammenhänge gibt es nur für die vier oben erwähnten Fälle!
Wichtig ist die Feststellung, dass die erwähnten statistischen Analysen nie einen ursächlichen Zusammenhang nachweisen können!
Beispiel: Bringt man die Verkaufsmenge von Himbeereis mit der Häufigkeit von Sonnenbrand in Verbindung, wird man einen gesicherten Zusammenhang finden. Niemand wird aber deshalb auf die Idee kommen, zu behaupten, man bekomme einen Sonnenbrand, wenn man Himbeereis isst.
Sofern verschiedene Forschungsgruppen unabhängig voneinander ähnlich statistische Zusammenhänge finden, wird man eine Hypothese über einen möglichen Wirkungsmechanismus aufstellen. Diese Hypothese muss dann durch weitere Experimente gestützt werden. Falls man widerspruchsfreie Resultate erhält, wird man die Hypothese dann als eine Theorie formulieren.
Der Wetterfühligkeit ein Schnippchen schlagen
Spazieren Sie bei jedem Wetter an der frischen Luft.
Achten Sie auf eine ausgewogene Ernährung.
Lassen Sie ein heisses Bad einlaufen und entspannen Sie sich mit duftenden Badezusätzen aus der Drogerie.
Verwöhnen Sie ihren Körper mit einer klassischen Massage.
Vermeiden Sie Stress. Entspannungstechniken wie Yoga, Tai-Chi oder Qi-Gong helfen Ihnen dabei.
Alternativmedizinische Methoden wie traditionelle chinesische Medizin oder Homöopathie helfen, Ihre Widerstandskräfte zu stärken.
Autor und Redaktion: Didier Buchmann
