Atemtherapie

1. Definition

Atemtherapie unterscheidet sich in zwei Sparten – der klinischen Therapie und jener, die der Selbsthilfe dient. Erstere wird von Ärzten bei Krankheiten und Funktionsstörungen von Lunge und Stimmapparat angewendet. Die Therapie zur Selbsthilfe richtet sich an Menschen, welche bewusst atmen möchten. Mithilfe spezieller Atemtechniken können sowohl körperliche als auch seelisch-emotionale Beschwerden positiv beeinflusst werden.

2. Philosophie

Die Redewendung «Mir stockt der Atem» hat angesichts des hektischen Zeitwandels an Bedeutung zugenommen. Dies, obwohl die Atmung eine der wesentlichsten Grundfunktionen des menschlichen Lebens darstellt. Beispiel gefällig? Der menschliche Organismus kann im Extremfall über Wochen ohne Nahrung auskommen. Stoppt die Atmung, drohen bereits nach drei Minuten irreparable Gehirnschäden, die bis zum Tod führen können. Oft rückt die Atmung erst bei einer körperlichen oder seelischen Belastung ins Zentrum des Interesses. Bei Stress oder nach einem Schock kann die Atemfrequenz innert Sekunden in die Höhe schnellen. Ansonsten fliesst der Atem meist unbewusst.

Viele Menschen atmen falsch. Eine überspannte Rückenmuskulatur verhindert die freie Bewegung des Zwerchfells und führt zu einer Fehlatmung. Dies äussert sich in Kurzatmigkeit und Engegefühl bis hin zur Hyperventilation. Im Zusammenspiel mit weiteren Faktoren wie Bewegungsmangel, Fehlhaltungen, Übergewicht oder einem stressigen Alltag kann eine falsche Atmung zu verschiedenen Beschwerden oder Erkrankungen führen. Atemtherapeuten helfen ihren Patientinnen und Patienten, die Atmung bewusst wahrzunehmen und bei Bedarf zu verändern.

Methodik

Es gibt verschiedene atemtherapeutische Richtungen und Schulen, zum Beispiel die Methode nach Klara Wolf oder die Atemlehre nach Ilse Middendorf. Frau Middendorf arbeitete in den dreissiger Jahren als Gymnastiklehrerin; bei dieser Arbeit erwachte ihr Interesse für die Atmung. Sie entwickelte eine eigene Lehre, genannt «Der erfahrbare Atem». Laut Ilse Middendorf gibt es drei verschiedene Möglichkeiten zum Atmen.

  • «Das unbewusste Atmen»: Das für alle Lebensfunktionen notwendig ist.

  • «Das bewusste Atmen»: Das durch den Willen gesteuert wird. So kann man zum Beispiel schnell oder langsam, tief oder oberflächlich, stockend oder fliessend atmen.

  • «Der erfahrbare Atem»: Dabei lernt man die Gesetze und Regeln des unbewussten Atmens kennen und findet dadurch einen neuen Zugang zu Körper, Seele und Geist. Ein Satz aus der Atemarbeit nach Ilse Middendorf lautet: «Wir lassen den Atem kommen, wir lassen ihn gehen und warten, bis er von selbst wieder kommt.»

3. Plausibilität des Konzepts

Atemtherapie spricht den Menschen in seiner Ganzheit an. In der bewussten Wahrnehmung wird die Atmung zu einer Kraftquelle. Richtiges Atmen verhilft dem Patienten Spannungen zu erkennen und sie anschliessend zu lösen. Wer sich auf das Thema Atemtherapie einlässt, kann mit dessen Hilfe einen Weg zu innerer Gelassenheit und persönlicher Selbsterfahrung finden.

4. Belege für die Wirksamkeit

In den letzten Jahren erschienen diverse Studien und Forschungsarbeiten, welche die Wirksamkeit einer Atemtherapie belegen sollen. Erwähnt sei an dieser Stelle eine Studie mit dem Titel «Die AFA-Atemtherapie als Burnout-Prophylaxe bei Lehrerinnen und Lehrern» an welcher unter anderem Prof. Dr. Thomas Loew von der Universität Regensburg beteiligt war. In einer weiteren Studie erfolgte eine Pilotuntersuchung der Charité-Universitätsmedizin, Berlin. In dieser wurde die Wirkung von atemtherapeutischem Gruppenunterricht bei Patienten mit Asthma bronchiale untersucht .

Weiter liegen diverse Dissertationen zum Thema vor. Erwähnenswert ist jene von Simone Meier von Zürich und Bärschwil (SO). Von ihr wurde eine Inaugural-Dissertation mit dem Titel «Eine wissenschaftliche Bestandesaufnahme aus Patientensicht» zur Erlangung der Doktorwürde der Medizinischen Fakultät der Universität Zürich verfasst.

5. Praktische Anwendung

Gesunde Menschen können durch bewusstes Atmen ihre innere Balance wieder finden und so die Lebensqualität steigern. Atemtherapie eignet sich auch zur Linderung von diversen Beschwerden. Dies sind unter anderem:

  • Atembeschwerden

  • Kopfschmerzen

  • Kreislaufstörungen

  • Menstruationsbeschwerden

  • Rücken- und Gelenkschmerzen

  • Stimm- und Sprechstörungen

  • Seelische Schwierigkeiten wie Ängste, Nervosität, Panik, depressive Verstimmungen

  • Schlafprobleme

6. Selbstbehandlung

Praktische Übungen können von den Patienten problemlos in den Alltag eingebaut werden. Wer sich täglich einige Minuten Zeit nimmt, den Atemfluss in der erlernten Körperhaltung bewusst zu erleben, wird diesen mit der Zeit automatisieren. Bereits eine Tramfahrt bietet Gelegenheit, sein Gewicht auf Fersen und Zehen so auszubalancieren, dass eine freie Atmung möglich wird. Fünf bis zehn Therapiesitzungen bei einer anerkannten Atemtherapeutin sind notwendig, um die Übungen zu erlernen. Hilfestellung bieten zudem auch zahlreiche Bücher und Broschüren zum Thema.

7. Anwender und ihre Ausbildung

Der Schweizer Berufsverband für Atemtherapie und Atempädagogik Middendorf (sbam) bietet in Zusammenarbeit mit diversen Atemschulen die Ausbildung zum diplomierten Atemtherapeuten sbam an. Diese kann in einer dreijährigen Kompaktausbildung oder einer vierjährigen Blockausbildung absolviert werden. Der sbam verpflichtet seine Mitglieder zu einer regelmässigen Fort- und Weiterbildung.

8. Behandlung und Ablauf

Eine Atemtherapie findet in Einzel- oder Gruppensitzungen statt.

In Einzelsitzungen hat der Therapeut die Möglichkeit, sich individuell um seinen Patienten und dessen Belange zu kümmern. Behandelt wird im Liegen und in Alltagskleidern. Über den Atemrhythmus des Kunden nimmt die Fachperson Kontakt zum Atem auf und wendet manuelle Griffe an. Diese lassen den Atem im Körper entfalten und machen die Behandlung für den Patienten erlebbar. Er wird also von einer passiven in eine aktive Atmung versetzt. Im Anschluss an die Behandlung wird ein Einzelgespräch geführt. Idealerweise finden die Sitzungen im Wochen- oder Zweiwochenrhythmus statt. Die Dauer beträgt jeweils rund sechzig Minuten.

Während den Gruppensitzungen gibt der Therapeut verschiedene Atem- und Bewegungsübungen vor. Diese werden je nach Situation im Stehen, Sitzen oder Liegen ausgeführt. Die Gruppensitzungen ermöglichen den Teilnehmern, das Atmen auf eine neue Weise zu erfahren und bewusst als Mittel zur Verbesserung des allgemeinen Wohlbefindens einzusetzen.

9. Grenzen und Risiken

Bei Klienten mit erheblichen körperlichen oder psychischen Beschwerden ist vor oder unmittelbar nach Beginn der Therapie eine schulmedizinische Abklärung angezeigt.

10. Nebenwirkungen

Da sich Atemtherapie als eine sehr sanfte Behandlungsmethode auszeichnet, sind Nebenwirkungen praktisch ausgeschlossen.

11. Praxistipps

Wer sich etwas intensiver mit Atemtherapie befasst und dessen Übungen in einer Einzel- oder Gruppensitzung erlernt hat, kann diese auch in den eigenen vier Wänden anwenden.

Fundament: Der Beckenkreis

Setzen Sie sich auf einen Hocker oder auf die vordere Fläche eines geraden Stuhls. Die Hände liegen etwa auf der Mitte der Oberschenkel, die Füsse stehen parallel auf dem Boden. Lenken Sie Ihre Achtsamkeit auf die beiden Sitzbeinhöcker. Verlagern Sie nun das Gewicht auf den linken Sitzbeinhöcker. Kippen Sie dabei Ihr Becken leicht nach hinten und kreisen Sie über das Kreuzbein zum rechten Sitzbeinhöcker. Kreisen Sie weiter nach vorne über das Schambein zurück zum linken Sitzbeinhöcker. Jetzt ist der Beckenkreis geschlossen.

Probieren Sie grössere und kleinere Kreise aus. Wechseln Sie auch einmal die Richtung. Wie spüren Sie Ihren Kreis? Achten Sie darauf, dass die Bewegung ihren Ausgang im Becken hat. Der Oberkörper macht die Bewegung passiv mit. Behalten Sie Kontakt zum Boden. Die Füsse bleiben die ganze Zeit in ihrer Ausgangsstellung.

Üben Sie so lange, bis Sie Ihren Bewegungsrhythmus gefunden haben und das Kreisen wie von selbst geht. Achten Sie darauf, wie der Atem die Bewegung begleitet. Wann kommt das Einatmen? Wann das Ausatmen? Haben Sie eine Atemruhe? Das Üben gewinnt an Intensität und Innigkeit, wenn Sie die Augen dabei schliessen.

Nachdem Sie die Übung beendet haben, bleiben Sie nach innen gesammelt. Wie hat sich das Kreisen auf das Sitzen ausgewirkt? Spüren Sie Ihre beiden Sitzhöcker deutlicher und können Sie sich darauf niederlassen? Hat sich die Atembewegung im Beckenraum verstärkt?

Wirkung

  • Der Beckenkreis löst Verspannungen in der Wirbelsäule sowie im Becken- Hüftbereich.

  • Die Atembewegung breitet sich vermehrt im Becken aus, das räumlich wahrgenommen wird.

  • Der Bodenkontakt, die Standfestigkeit und die daraus entstehende Haltung werden verbessert.

Eignung

Der Beckenkreis vermittelt Boden unter den Füssen. Er bildet eine Basis und kann fast überall angewendet werden. Er eignet sich, wenn der Atem durch Anspannung und Stress immer kleiner wird, oder wenn Sie Einschränkung und Enge in der Brust spüren.

Der Beckenkreis entlastet die Wirbelsäule bei langem Sitzen, verbessert die Konzentration, verbindet mit der eigenen Kraft und fördert die eigenen Heilungskräfte, bringt Erleichterung bei Menstruationsbeschwerden.

Diese und weitere Übungen finden Sie im «Atem-Ratgeber» von Ursula Schwendimann und Letizia Fiorenza. Der Ratgeber kann über die Atemschule Ursula Schwendimann in CH-8708 Männedorf bezogen werden kann.

12. Zahlt die Krankenkasse?

Viele Krankenkassen leisten einen Beitrag an die Behandlungskosten im Rahmen ihrer Zusatzversicherungen, sofern Therapeuten anerkannt sind. Nähere Informationen erhalten Sie direkt bei Ihrer Krankenkasse.

Quelle: Brigitte Ruf vom Schweizer Berufsverband für Atemtherapie und Atempädagogik Middendorf, sbam
Autor und Redaktion: Didier Buchmann