Schmerzen
Schmerzbewältigung ist eine Frage der Kultur
Sind Schweizer wehleidig? Fühlen sich Männer mit harmlosen Kopfschmerzen tatsächlich schon richtig krank? Schmerzempfindung und -bewältigung sind individuell und kulturell geprägt.
Fragt ein Schweizer Arzt einen Landsmann oder eine Landsfrau nach deren Beschwerden, liegen die Verhältnisse günstig. Beide haben den gleichen kulturellen Hintergrund, und man weiss, was Sache ist. Das heisst, die Schmerzen werden benannt und die nötige Therapie eingeleitet. Wird die gleiche Frage einem türkischen Patienten gestellt, könnte dessen Antwort «Mir tut alles weh, ich bin schliesslich krank» den Arzt leicht überfordern. Fazit: Unterschiedliche Kulturen gehen mit Schmerz ganz unterschiedlich um. Wie sie das tun, geht aus einer Studie von Norbert Kohnen vom Institut für Geschichte der Medizin an der Universität Düsseldorf hervor.
Iren ziehen sich zurück
Jeder Arzt hat aus seiner Sicht eine Vorstellung, welche Schmerzäusserungen und Bewältigungsstrategien bei seinen Patienten zu erwarten sind. Seine Erfahrungen beziehen sich in der Regel auf das Verhalten der Menschen im eigenen Land. Kommt jedoch ein Patient ausländischer Herkunft in die Sprechstunde, kann die einseitige Sicht des Arztes zu Verständigungsschwierigkeiten führen. Denn jede Kultur hat gemäss ihren eigenen Werten und Normen Strategien zur Bewältigung des Schmerzes entwickelt.
Nützliche Links
Download: Schmerztagebuch (pdf)
Iren ziehen sich zurück, weil es unfein ist, Schmerz zu äussern.
Nordamerikaner suchen so früh wie möglich den Arzt auf, schildern ihm die Beschwerden ohne emotionale Regung, damit dieser sofort eine rationale Behandlung einleiten kann.
Juden erdulden den Schmerz, weil Gott ihnen so ein Zeichen geben will.
Italiener äussern Schmerzen laut und deutlich, damit ihnen die familiäre Anteilnahme zukommt.
Filipinos fügen sich fatalistisch ihrem Schicksal.

