Gefährliche Wechselwirkungen

Arzneimittel können sich gegenseitig beeinflussen, gewisse Lebensmittel vertragen sich schlecht mit bestimmten Medikamenten. Eine Expertin sagt, worauf Sie achten sollten.

– Viele pflanzliche Präparate können die Wirkung von Medikamenten beeinflussen. So zum Beispiel Johanniskrautpräparate, die die Verhütungsmittel abschwächen. Pelargoniumpräparate verstärken die Wirkung von Blutverdünnern. Auch Alkohol kann die Wirkung von Medikamenten verstärken oder abschwächen. Er verstärkt beispielsweise die Wirkung aller Medikamente, die dämpfend auf das Zentralnervensystem wirken, also von Schlaf- und Beruhigungsmitteln. Ein weiteres Beispiel sind Mittel gegen Allergien, bei denen Alkohol Müdigkeit als Nebenwirkung verstärkt. Aber auch Lebensmittel können die Wirkung gewisser Medikamente verstärken. Grapefruit zum Beispiel beeinflusst gewisse Fettsenker, Immunsystem-Hemmer, manche Hustenmittel usw.

Veronika Butterweck ist Professorin am Institut für Pharma Technology an der Hochschule für Life Sciences der Fachhochschule Nordwestschweiz und unter anderem auf die Erforschung von Wechselwirkungen zwischen pflanzlichen und synthetischen Arzneimitteln spezialisiert.

Veronika Butterweck, was sind Wechselwirkungen?

Prof. Veronika Butterweck: Wenn Wirkungen, erwünschte oder unerwünschte, eines Arzneimittels durch die gleichzeitige Anwendung eines anderen Arzneimittels verändert werden, so wird diese Beeinflussung Arzneimittelwechselwirkung oder Arzneimittelinteraktion genannt. Im Allgemeinen kann eine Interaktion die Wirkung eines Arzneistoffes abschwächen, unerwünschte Wirkungen hervorrufen oder eine Wirkung verstärken. Klinisch relevant werden Interaktionen dann, wenn die therapeutische Aktivität und/oder Giftigkeit eines Arzneistoffes in dem Masse verändert wird, dass die Dosis angepasst oder ein Arzt konsultiert werden muss.

Medikamente können miteinander in Wechselwirkung treten, indem sie sich beispielsweise bei der Bindung an die gleichen Rezeptoren, die gleichen Enzyme oder andere Eiweisse konkurrieren. Ausschlaggebend für zahlreiche Wechselwirkungen ist das Enzym CYP3A4. Dieses wird zu etwa 60 Prozent in der Leber hergestellt, findet sich aber auch im Dünndarm. Dieses Enzym ist am Stoffwechsel von gut der Hälfte aller Arzneistoffe beteiligt. Die metabolische Aktivität des CYP3A4-Systems kann durch zahlreiche Substanzen wie Arzneistoffe, Phytopharmaka oder Nahrungsmittel sowohl gehemmt als auch ausgelöst werden. Die häufigsten und wichtigsten Arzneimittelinteraktionen treten auf, wenn die Konzentration von Arzneistoffen durch eine Blockade oder Steigerung des Arzneistoffmetabolismus erhöht oder vermindert wird.

Kommt diese Schwankung des Arzneistoffspiegels im Körper häufig vor?

Bei der Arzneimitteltherapie fast aller Erkrankungen werden Patienten heute mit mehr als einem Präparat behandelt. Es konnte in den letzten Jahren in vielen Fällen gezeigt werden, dass sich diese gleichzeitig verabreichten Arzneimittel gegenseitig in ihrem Metabolismus beeinflussen und so zu Arzneimittelinteraktionen führen können. Zusätzlich versorgen sich Patienten häufig selbst mit Vitaminen, rezeptfreien Arzneimitteln wie Phytopharmaka und Nahrungsergänzungsprodukten, um die Gesundheit zu verbessern. Die Zahl der möglichen Wechselwirkungen steigt mit der Zahl der verabreichten Medikamente nach folgender Formel: i = (n2 – n) / 2. Das heisst, die theoretische Anzahl möglicher Arzneistoff-Arzneistoff- bzw. Arzneistoff-zu-Phytopharmaka- oder -zu-Nahrungsmittel-Wechselwirkungen ist derart gross und einzelne Interaktionen-Listen sind derart umfangreich, dass man eine generell unverbindliche Liste von Arzneimittelwechselwirkungen mit Phytopharmaka oder mit Nahrungsmitteln gar nicht erst erstellen kann.

Welche Genuss- oder Lebensmittel können die Wirkung von pflanzlichen Arzneimitteln beeinflussen?

Das prominenteste Beispiel für eine Arzneimittel-Nahrungsmittel-Interaktion ist die Grapefruit und daraus hergestellte Getränke und Nahrungsmittel. Diese können die Bioverfügbarkeit zahlreicher oral verabreichter Arzneistoffe erhöhen und dadurch folgenschwere Arzneimittelinteraktionen verursachen. Momentan kennt man etwa 85 solcher Arzneistoffe, von denen etwa die Hälfte zu schwerwiegenden, teilweise lebensbedrohlichen Wirkungen führen können, wenn die Patienten während der Medikation grapefruithaltige Produkte konsumieren. Patienten, die CYP3A4-sensitive Substrate einnehmen, sollten über das Risiko von der gleichzeitigen Einnahme der Medikamente mit grapefruithaltigen Nahrungsmitteln aufgeklärt werden. Und als Folge eventuell auf den Genuss von Grapefruitsaft beziehungsweise grapefruithaltigen Produkten verzichten.

Wie sieht es mit Wechselwirkungen bei Extrakten aus Johanniskraut, Baldrian, Ginkgo biloba, Echinacea oder Mariendistel aus?

Hyperforin, der verantwortliche Inhaltsstoff in Johanniskrautpräparaten, führt dazu, dass betroffene Arzneistoffe nach einigen Tagen stärker abgebaut werden als ohne die Einnahme eines Johanniskrautpräparats. Als Folge davon sinken die Wirkspiegel des Arzneimittels nach einigen Tagen. Bei Anwenderinnen von oralen Empfängnisverhütungen kann dies zum Beispiel zu Zwischenblutungen führen. Es ist daher anzuraten, zusätzliche Methoden zur Empfängnisverhütung einzusetzen.

Im Gegensatz zu Johanniskrautpräparaten gibt es bei den in Europa gebräuchlichen Arznei- und Gewürzpflanzen bisher keine vergleichbare Beeinflussung des Arzneistoffmetabolismus oder Arzneistofftransports in vivo, also im lebenden Organismus. Bisher wurden hauptsächlich Zubereitungen aus Weissdorn, Sonnenhut, Baldrian, Mariendistel und Ginkgo auf eine Beeinflussung des Arzneistoffmetabolismus in klinischen Studien untersucht. Diese Arzneipflanzen zeigen entweder kein oder nur ein sehr geringes Interaktionspotenzial.

Von welchen Kombinationen mit pflanzlichen Medikamenten raten Sie grundsätzlich ab?

Grundsätzlich sollte man von der gleichzeitigen Einnahme von pflanzlichen Arzneimitteln mit Medikamenten abraten, die eine enge therapeutische Breite, also einen kleinen Abstand zwischen der therapeutischen Dosis und einer Dosis, die zu einer toxischen Wirkung führt, haben. Denn häufig sind Interaktionen nur mit Arzneimitteln dieser Gruppe von klinischer Relevanz.

Ist die Wahrscheinlichkeit von Nebenwirkungen bei pflanzlichen Medikamenten im Allgemeinen geringer als bei allopathischen, also nicht homöopathischen, Behandlungsmethoden?

Nebenwirkungen sind – ebenso wie Wechselwirkungen – ein Charakteristikum für die Wirksamkeit eines Arzneimittels. Daher kann jedes Arzneimittel Nebenwirkungen haben; das gilt natürlich auch für pflanzliche Arzneimittel. Nebenwirkungen treten vor allem bei unsachgemässer Einnahme oder ungewollter Überdosierung auf. In seltenen Fällen kann es auch zu allergischen Reaktionen kommen. Bei sachgemässem Gebrauch besteht jedoch in der Regel ein geringes Risiko – eine fachkompetente Beratung durch einen Arzt, Apotheker oder Drogist ist deshalb immer ratsam.

Sollte ein Arzt auch in die komplementärmedizinische Begleittherapie einbezogen werden?

Das Etikett «natürlich» oder «pflanzlich» verleitet viele Patienten zu der Ansicht, es könne nichts schaden. Beim Verkauf solcher Präparate sollte der Drogist oder Apotheker jedoch auf mögliche Wechselwirkungen hinweisen. Der Arzt sollte grundsätzlich über alle Arzneimittel informiert werden, die ein Patient einnimmt; umgekehrt sollten die Ärzte auch aktiv nachfragen, ob Patienten pflanzliche Präparate einnehmen. Nur so lassen sich mögliche Neben- und Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten vermeiden und die Arzneimittelsicherheit verbessern.

Es gibt aber auch durchaus Wirkungsveränderungen, die erwünscht sind: Zum Beispiel kann Pelargonium sehr gut eingesetzt werden, um die Wirkung des Schleimlösers Acetylcystein zu verstärken.

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Foto: © I-vista / pixelio.de
Autorin: Ann Schärer
Redaktion: Bettina Epper
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